Monheim: Bomben im Bistro
VON KARSTEN SANDER - zuletzt aktualisiert: 11.11.2006Düsseldorf (RPO). Der Journalist Ulrich Sahm gab Schülern des Monheimer Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG) einen tiefen Einblick in die verfahrene Situation im Nahen Osten. Tags zuvor gedachte er gemeinsam mit vielen Bürgern der Pogromnacht.
Es herrscht dichtes Gedränge vor dem Erdkunderaum im Monheimer OHG. Ulrich Sahm, Nahostkorrespondent des Nachrichtensenders n-tv, ist gekommen, um sich den Fragen einer gemischten Schülergruppe zu stellen. Es ist sein zweiter Einsatz vor Schülern an diesem Tag. Sahm ist zwar das erste Mal an der Schule, ihn verbindet aber eine lange Freundschaft mit Schulleiter Dr. Hagen Bastian, der ihn als „Mann der klaren Worte“ vorstellt.
Sahm gibt zunächst einen Einblick in die „verdammte Region“, in der Krieg nicht der Ausnahmezustand, sondern die bitterer Alltag ist. „Es ist ein wahnsinnig kompliziertes Gebiet“, klärt er die Schüler auf, „nach drei Tagen neigt man dazu, Lösungsansätze zu präsentieren. Nach 30 Jahren ist man ratlos.“ Den Schülern wird schnell klar, dass der Fachmann ihnen keine Lösungen an die Hand geben wird; dies auch nicht kann und möchte. Vielmehr schärft er seinen jungen Zuhörern ein, alle betreffenden Meldungen genauestens zu hinterfragen und sich nicht blind auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Offen erzählt er vom Alltag der Menschen in Nahost, von Pubs, Supermärkten und Bushaltestellen, an denen Sicherheitspersonal alle Menschen mit Metalldetektoren durchsuchen. Von Treffen in Cafés, die durch Explosionen beendet werden oder von traumatisierten palästinensischen Kindern, die die ständige Furcht nicht mehr ertragen können.
Neutralität
Ulrich Sahm berichtet als Fernsehjournalist für n-tv und Zeitungsjournalist über den Krisenherd Nahost. Der in Bonn geborene Diplomatensohn lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Jerusalem und gilt als einer der besten Kenner des Nahostkonflikts. Als Deutscher versucht er, seine Neutralität zwischen den Fronten zu bewahren.
Ob er denn schon selbst einmal einen Terroranschlag hautnah erlebt habe, möchte ein Schüler wissen. Ja, das habe er – und seine Tochter habe eine Klassenkameradin verloren ebenso wie sein Hausarzt seine Tochter. „Es ist überraschend, mit welchen Umständen der Mensch leben kann.“ Die Schüler stellen in den zwei Stunden viele Fragen zu politischen, wirtschaftlichen, religiösen und gesellschaftlichen Bereichen, die ausgiebig erörtert werden. „Ist der Mauerbau nicht ein Versagen Israels?“, möchte ein Schüler wissen. Sahm stellt eine Gegenfrage: „Kann nicht vielleicht jede Lösung als Versagen gewertet werden?“ Er berichtet den Schülern von der drastisch gesunkenen Zahl an Selbstmordanschlägen, vergisst aber nicht zu erwähnen, dass der Mauerbau natürlich auch eine Vielzahl neuer Probleme schaffe. In einem ist er sich aber sicher: „Jede Grenze ist ekelhaft“.
Ein Aspekt, der nur am Rande angesprochen wird, sind die deutsch-israelischen Beziehungen. Eine Umfrage unter Israelis habe gezeigt, so der Journalist, dass 80 Prozent die Präsenz der Bundeswehr im Libanon befürworteten. Die jüngsten Vorfälle zwischen israelischem Militär und deutscher Marine möchte er nicht dramatisieren. „Das war eher eine Sache für die Medien“, kritisiert Sahm den eigenen Berufsstand. Haarklein erläutert er den Schülern, wie es zu diesem „Missverständnis“ kommen konnte. Einen Punkt stellt er exemplarisch heraus: „Selbst zu dem zeitlichen Ablauf der Geschehnisse gibt es von beiden Seiten höchst unterschiedliche Angaben. Glaubt mir, es gibt nie die eine Wahrheit, es gibt so viele mehr.“
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