Langenfeld/Monheim: Evangelisch und elitär?
VON THOMAS GUTMANN - zuletzt aktualisiert: 03.02.2007Düsseldorf (RPO). Kantaten statt Karneval, Meditationskreise statt Mundart-Messen – ist der Protestantismus nur noch was für Bildungsbürger? Die RP befragte heimische Pfarrer zu einer These vom Wittenberger EKD-Zukunftskongress.
Neujahrstreff
Morgen veranstalten die evangelischen Gemeindebezirke Langenfeld-Mitte und Immigrath-Wiescheid ihren ersten gemeinsamen Neujahrstreff. Begonnen wird mit einem Gottesdienst um 9.30 Uhr in der Johanneskirche.
Karl Moik oder Johann Sebastian Bach? Für die große Mehrheit der Langenfelder Protestanten, die sich morgen zum Neujahrstreff in der Johanneskirche versammeln, dürfte es keine Frage sein, wen sie lieber hören – wenn ihnen Karl Moik überhaupt ein Begriff ist. Für Stephan Schaede ist genau dies das Problem der evangelischen Kirche: „Es kann nicht angehen, dass nur die Bildungsbürger und Pfadfinder bei uns zu Hause sind – wir brauchen auch Angebote für Menschen, die zum Mittagessen Karl Moik hören“, sagte der Heidelberger Theologe vorige Woche auf dem EKD-Zukunftskongress in Wittenberg. Was meinen heimische Pfarrer dazu?
Annegret Duffe (42) aus Reusrath kann nachvollziehen, dass manche den Protestantismus verkopft finden: „Besonders hier im Rheinland, wo Karneval und Schützenwesen stark im Katholizismus verwurzelt sind.“ Tatsächlich aber erreiche auch die evangelische Kirche sämtliche Schichten. „Das kann ich jedenfalls für unseren Gemeindebezirk behaupten: Im Seniorenkreis und der Frauenhilfe haben wir ein sehr gemischtes Publikum, bei den Familien-Angeboten ohnehin.“
Wenig volkstümlich
Und doch können sich zumindest etliche Zeitungsleser nur schwer des Eindrucks erwehren, dass Luthers Kirche nicht volkstümlich sein mag: Während Meldungen wie „kfd lädt ein: Lustige Stunden im Bürgerhaus“ fast an der Tagesordnung sind, findet sich in den RP-Lokalausgaben von Januar nicht eine einzige Ankündigung, die auf eine evangelischen Veranstaltung mit Unterhaltungswert auch für WDR 4-Hörer hinweist. Statt dessen: Meditationskreise, Kantaten-Projekte sowie Nachtgebet und Lobgesang.
„Das sind Highlights, die in der Zeitung vorkommen; das ist aber nicht repräsentativ für den Gemeinde-Alltag“, kommentiert Volker Raettig (59) aus Immigrath die Beobachtung. In der Jugend-, Senioren- und Frauenarbeit gehe es ebensowenig betont bildungsbürgerlich zu wie in den Gottesdiensten: „Da sitzen bei weitem nicht nur Intellektuelle.“ Richtig sei, dass die evangelische als „Kirche des Wortes“ es zum Teil versäumt habe, auch die übrigen Sinne der Gläubigen anzusprechen, räumt der Pfarrer ein: „Glaube vollzieht sich auch über Nase, Mund und Bauch.“ Wie etwa in der Osternacht, für die inzwischen auch viele evangelische Gemeinden die Osterkerze wiederentdeckt haben.
Cornelia Müller (44) aus Baumberg sieht einen besorgniserregenden Beleg für die Karl-Moik-These: „Anders als die Kirchen der EKD haben evangelikale Fundamentalisten starken Zulauf – offenbar ist unser Glaube schwer zu vermitteln.“ Auf ihre eigene „lebendige Gemeinde“ sei sie jedoch sehr stolz: „Sowohl der 10-Uhr- wie auch der 11-Uhr-Gottesdienst ist mit 70 bis 100 Gläubigen für evangelische Verhältnisse regelmäßig gut besucht.“
Um den Otto-Normal-Monheimer für die Kirche zu begeistern, setzt Müller weniger auf Volkstümlichkeit als auf die überkonfessionelle Zusammenarbeit: „Wir müssen das verbreitete Bedürfnis nach Spiritualität ansprechen und tun dies ja auch, zum Beispiel in einer überkonfessionellen Taizé-Andacht in der Marienkapelle.“ Die Kirchenfernen, vom Proletarier bis zum Professor, unterschieden ohnehin nicht zwischen den Konfessionen, weiß die Pfarrerin aus Untersuchungen: „Wenn der Papst in den Medien verstärkt kritisiert wird, dann treten mehr Protestanten aus der Kirche aus als Katholiken.“
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