Langenfeld: „Familie ist echt unterhaltsam“
VON STEFANIE MERGEHENN - zuletzt aktualisiert: 22.02.2007Düsseldorf (RPO). Die erste Vergleichsstudie über Kinder in 21 Industrienationen brachte Erschreckendes zu Tage: Deutschland liegt auf dem letzten Platz, was das Gespräch zwischen Eltern und Kindern betrifft. Nicht so Familie Goltz aus Langenfeld.
„Jelenaaaa!“ Die kleine Mayla kündigt am Fuß der Treppe an, dass Besuch gekommen ist. Die 19-Jährige hüpft lachend die Stufen herunter, streicht der Zweijährigen über den Kopf und setzt sich an den großen Esstisch. Schwesternliebe? Fast. Mayla ist eins der drei Tageskinder, die außer den vier eigenen Kindern (15, 17,19, 20) Leben ins Haus der Familie Goltz bringen.
Gestern mittag, kurz nach 12: Die Linsensuppe köchelt auf dem Herd, Tageskind Ben (1) wird gerade von seiner Mutter abgeholt. Stattdessen kommt Vater Dieter aus dem benachbarten Büro – der 49-jährige Ingenieur ist geschäftsführender Gesellschafter einer Automatisierungstechnik-GmbH –, um mit seiner Frau Dorotha (48) und seinen beiden mittleren Kindern zu überlegen, was ihre Familie ausmacht. Keine Frage: das Gespräch miteinander.
Unicef-Bericht
In der ersten internationalen Vergleichsstudie zur Situation der Kinder in 21 Industriestaaten ist Deutschland nur Mittelmaß, wenn es darum geht, verlässliche Lebensumwelten für die junge Generation zu schaffen (Rang 11).
Verglichen wurden die materielle Situation, Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Eltern und Gleichaltrigen, Lebensweise und Risiken sowie die eigene Einschätzung beruflicher Perspektiven.
Im Gegensatz zu 60 Prozent aller deutschen Familien, in denen sich die Eltern so gut wie gar nicht „einfach mal so“ mit ihren Teenager-Kindern unterhalten, wie jetzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ermittelte. Jannik (17) hat von der Studie gehört und gleich ein Beispiel parat: „Ein Freund von mir hat seit einer Woche ein Zungenpiercing. Sein Vater hat das bis heute nicht gemerkt.“ Für den Elektroniker-Azubi ist es wichtig, dass sich seine Mutter einfach zu ihm setzt, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt und isst. „Durch meine bloße Anwesenheit signalisiere ich ihm: Du kannst reden, wenn du willst“, vemutet Dorotha Goltz, die weiß: „Ausfragen bringt nichts – schon gar nicht bei Jungs.“
„Mama bekommt viel ab, wenn wir aus der Schule kommen“, gibt Abiturientin Jelena zu. Für ihren Freund Fabian, der vor dreieinhalb Jahren in die Familie integriert wurde, sei es anfangs komisch gewesen, dass bei Goltz’ über alles gesprochen wird. „Auch, wenn’s gerade nicht dran ist – wie medizinische Sachverhalte beim Mittagessen“, lacht Vater Dieter. Wenn ein Teil der Großfamilie – seine Frau hat acht Geschwister – zusammen ist, sei das „ein Airbus-mäßiger Geräuschpegel“. Dennoch lässt man einander ausreden – und hört aktiv zu.
Wichtig: gegenseitiger Respekt
Das hat für Eltern und Kinder „nicht nur etwas mit gegenseitigem Respekt, sondern auch mit unserem Glauben“ zu tun. Die evangelischen Christen tummeln sich gleich in drei Kirchengemeinden: In der Johanneskirche, wo Dieter Hilfsprediger ist, in Reusrath, wo Simon (20) im ehemaligen Gemeindebezirk seines Opas Adolf Schmidt Zivildienst macht, und in der Rupelrather Christuskirche, wo alle Kinder aktiv dabei sind und ihre Eltern seit zwölf Jahren auf der Jugendfreizeit den Kochlöffel schwingen, statt in Urlaub zu fahren.
„Mama und Papa tun zu wenig für sich; sie sind immer nur für andere da“, kritisiert Jelena – wohl wissend, dass sie selbst davon profitiert (hat). Dorotha Goltz wehrt ab: „Ich mache das, was meinen Gaben entspricht, einfach gern.“ Auszeiten nimmt sie sich in der Sauna oder beim Besuch geistlicher Seminare – am liebsten gemeinsam mit ihrem Mann, mit dem sie Ende Mai Silberhochzeit feiert. Die gelernte Kinderkrankenschwester „wollte immer viele Kinder“. Von den Tages- und Notpflegekindern hätten ihre eigenen profitiert: „Außenstehende wundern sich, dass Simon ein Baby halten und unser Nesthäkchen Ilva Windeln wechseln kann.“
Wird bei der Familie Goltz denn nie gestritten? „Klar“, sagen alle. „Aber anders.“ Konstruktiv, sachlich, möglichst ohne einander zu verletzen. Das funktioniert nicht immer: „Ich brause schnell auf“, räumt Jelena ein. Ihre Schwester fresse Frust eher in sich hinein. Doch irgendwann könne man über alles wieder reden – und einander verzeihen. Wie ist es mit Grenzen? „Da korrigieren sich die Geschwister gegenseitig“, freut sich Dorotha. Fürs Rauchen sei ihnen das Taschengeld zu schade, und „als meine Berufsschulkollegen Karneval saufen gingen, hab’ ich mich abgeseilt“, erzählt Jannik. „Die haben mich zwar Milchbubi genannt, aber dieses Koma-Saufen – das brauch’ ich einfach nicht.“ KOMMENTAR
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