Langenfeld: Freischwimmer im Gegenstrom
VON THOMAS GUTMANN - zuletzt aktualisiert: 07.07.2007Düsseldorf (RPO). Vor Tagen kritisierte Bürgermeister Staehler Alt-Kämmerer Graw scharf, gestern erlitt sein Versuch, sich von dem einst mächtigen Rathaus-Vize zu emanzipieren, einen Dämpfer – bei einem flugs einberufenen Versöhnungstermin.
Lümpchen-Affäre
Die Bezeichnung geht zurück auf den vom damaligen Ratsoppositionsführer Thomas Rau (SPD) wiederholt geäußerten Verdacht, Kämmerer Winfried Graw habe noch ein „Lümpchen“, eine Stille Reserve in der Hinterhand.
Im Januar 2007, rund zwei Jahre nach seiner Pensionierung, räumt Graw eine List ein: Er habe Entschuldungsfortschritte in seinen 40-seitigen Jahresberichten versteckt: „Ich wusste, dass die Politiker lange Vorlagen nicht lesen.“ Nach ähnlichen Worten Ende Juni in „Stern TV“ (RTL) hagelt es Kritik: zunächst von FDP und SPD, dann auch vom Bürgermeister.
Es ist der Schlüsselmoment einer denkwürdigen Pressekonferenz: Da sitzen der Bürgermeister sowie sein früherer Kämmerer und Erster Beigeordneter (oder müsste man sagen: der Alt-Kämmerer und sein früherer Bürgermeister?) in Rathaus-Saal 188 nebeneinander, um gemeinsam die „Lümpchen-Affäre“ zu beenden, in der sich Magnus Staehler (49, CDU) zuletzt zu harscher öffentlicher Kritik an Winfried Graw (67, CDU) veranlasst sah, – und dann antwortet der Ältere ungefragt für den Jüngeren. „Sie haben noch vor wenigen Tagen von einer ,Brüskierung des Rates’ gesprochen – ist dieser Vorwurf damit aus der Welt?“ lautet die Frage, bei der eigentlich klar ist, an wen sie gerichtet und wie sie gemeint ist: Staehler, der ja nicht nur der Verwaltung, sondern auch dem Rat vorsitzt, soll sagen, ob Graws zuvor gegebene Erklärung (siehe Zweittext) geeignet ist, auch den Stadtrat zufriedenzustellen. Schließlich hatten die herablassend wirkenden Einlassungen des Alt-Kämmerers in verschiedenen Medien („Ich wusste, dass die Politiker lange Vorlagen nicht lesen“) gerade bei Ratsleuten (auch der CDU) für Empörung gesorgt („Frechheit“). Doch noch ehe der amtierende Bürgermeister die Lippen rühren kann, sagt sein Verwaltungs-Vize a. D.: „Wir (also Staehler und er) haben uns ausgesprochen. Damit gehe ich davon aus, dass das (also der Brüskierungs-Vorwurf) nicht mehr im Raum steht.“
Wie der Seniorchef zum Junior
So könnte auch der Seniorchef eines Familienunternehmens sprechen, der seinem Sohn mit unbedachten Äußerungen aus dem Ruhestand heraus das Arbeitsleben erschwert hat, sich dafür öffentliche Kritik vom Junior anhören musste und nun ebenso öffentlich mit ihm Versöhnung zelebriert. Und auch dies könnte ein solcher Patriarch von sich geben: Wer ist auf wen zugegangen, will ein Fragesteller wissen, mit anderen Worten: Auf wessen Initiative geht diese Pressekonferenz zurück? „Ich bin auf den Bürgermeister zugegangen, denn ich lebe nicht gerne im Streit“, antwortet der Alt-Kämmerer.
Warum es zu diesem Streit kam, wird nicht erklärt, weshalb auch, jeder weiß es: Mit seinem kokett vorgetragenen „Geheimnisverrat“ („Verstecken“ von Entschuldungsfortschritten in langen Jahresberichten) hat Graw dem Verwaltungsvorstand einen Bärendienst erwiesen, weil dies die Glaubwürdigkeit der Kämmerei zu erschüttern (Leiter Detlev Müller ist Graws „Lehrling“) und das Verhältnis zwischen Verwaltung und Rat zu belasten droht. Gerade deshalb dürfte Staehler auch so stinksauer reagiert haben („Respektlosigkeit gegenüber dem Rat“, „das Maß verloren“ etc., die RP berichtete).
Zu Beginn der Pressekonferenz setzt er, der seit rund zehn Jahren hauptamtlicher Bürgermeister ist, diesen Versuch einer Emanzipation vom langjährigen Beigeordneten und Kämmerer (1976 bzw. 1986 bis 2004) fort, natürlich in diplomatischeren Worten als noch zu Anfang der Woche: Die Diskussion der vergangenen Tage habe zu Missverständnissen Anlass gegeben. „Wir wollen hiermit deutlich machen, dass es immer bei der richtigen Rollenverteilung bei der Herkulesaufgabe Entschuldung geblieben ist, in gegenseitigem Respekt zwischen Verwaltung und Rat, auch in all den Jahren, als Herr Graw Kämmerer dieser Stadt war.“
Wer im Rathaus die Hosen an hatte, zumindest in Staehlers Anfangsjahren, wird später vollends deutlich: Der Bürgermeister habe gesprüht vor Tatkraft und das eine oder andere Projekt auf die Beine stellen wollen, erzählt der Alt-Kämmerer. „Wir haben ihn überzeugt, dass nicht alles zu finanzieren war, und spätestens 1997/98 hat er die Entschuldungspolitik auch auf seine Fahne geschrieben.“
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