Langenfeld: Jungen – raus aus dem Abseits
VON VIOLA GRÄFENSTEIN - zuletzt aktualisiert: 21.09.2009Düsseldorf (RPO). Sie balgen, sie raufen und gelten oft als Störenfriede. Jungen sind, statistisch gesehen, mittlerweile die Verlierer in unserem Bildungssystem. Immer mehr Schulen und Kitas sehen deshalb großen Handlungsbedarf.
Wenn Hendrik (5), Marten (3 1/2) und Hannah (8) auf den Spielplatz gehen, dann kann es schon mal laut werden. Hier toben und klettern die drei nach Herzenslust. Und wenn sich die Jungen mal wieder in die Haare kriegen, bleibt Mutter Bettina Bolz erst mal gelassen. "Erst war ich verunsichert, weil meine älteste Tochter längst nicht so wild war wie meine Söhne, aber mittlerweile habe ich erkannt, dass die Jungen das Balgen und Kräftemessen brauchen. Sie können so ihre Energie rauslassen", erzählt die erfahrene Mutter.
Dass Jungen anders sind als Mädchen, ist kein Geheimnis. Dass sie mittlerweile zu den Verlierern in vielen Bereichen der Gesellschaft gehören, ist besorgniserregend. "Während 36 Prozent der Mädchen ihr Abitur schaffen, gelingt dies nur 28 Prozent der Jungs", schreibt der Journalist Arne Hoffmann in seinem aktuellen Buch "Rettet unsere Söhne". Gelten Mädchen als wortgewandter, ruhig und fleißig, wollen sich Jungen ständig miteinander messen.
Spezielle Förderung
Insgesamt 12 000 Euro hat die Stadt Langenfeld für die geschlechterspezifische Förderung für dieses Jahr bereit gestellt.
Die Kurse umfassen unter anderem Themen wie Gewaltprävention, Selbstverteidigung und Selbstwahrnehmung besonders im Bereich der Jungenarbeit.
Bücher: Steve Biddulph: Jungen! Wie sie glücklich heranwachsen, Heyne Verlag; Jan Uwe Rogge/Bettina Mähler: Lauter starke Jungen, Rowohlt Verlag; Leonard Sax: Jungs im Abseits, Kösel Verlag; Arne Hoffmann: Rettet unsere Söhne, Pendo Verlag.
In vielen Kindergärten und Schulen hat man diese geschlechterspezifischen Unterschiede aber aus den Augen verloren, haben Experten beobachtet. Die Konsequenz: Viele Jungen seien orientierungslos und öfter verhaltensauffällig geworden. Als eine Ursache sehen Wissenschaftler die Überpräsenz von Frauen in Kindergärten und Schulen sowie die Tatsache, dass es immer mehr alleinerziehende Mütter gibt. Männervorbilder fehlen im System.
Ein Zivi extra für die Buben
Mittlerweile gibt es deshalb in vielen Kitas und Schulen ein Umdenken. Birgit Erven, Leiterin der St. Josef-Kita "Die kleinen Strolche", möchte zum Beispiel gerne einen Zivildienstleistenden für ihre Einrichtung gewinnen. "Wir hatten schon viele Schulpraktikanten, die unsere Jungen ganz toll fanden. Ein Zivi könnte sich auch mal für die Interessen der Jungen, wie Fußballspielen oder Lernspiele am PC, Zeit nehmen", meint die Pädagogin.
Gregor Heidkamp vom Kindergarten St. Paulus in Berghausen hat dieses Defizit schon lange im Blick. "Die Eltern und Kinder freuen sich darüber, mich als männlichen Leiter und außerdem einen weiteren männlichen Erzieher in der Kindertagesstätte für die Jungen als Ansprechpartner zu haben." Außerdem legt Heidkamp großen Wert auf die Zusammenarbeit mit den Vätern. "Es ist wichtig, dass für die Jungen ein positives Vaterbild in die Erziehung mit einfließt. Wir wollen nicht nur die Wochenend-Papas, sondern versuchen, alle Väter in die Kita mit einzubeziehen." Um die Jungen zu stärken, bietet die Kita zudem bald den Kursus "Starke Jungs" im Kindergartenalter an.
Ein Angebot, das sich Tanja Bettermann früher für ihre Söhne gewünscht hätte. "Die Mädchen spielten Gummitwist, aber meine mittlerweile siebenjährigen Jungen konnten sich anfangs auf dem Schulhof gar nicht behaupten", erzählt die dreifache Mutter. Und auch in den weiterführenden Schulen weiß man schon lange, dass auch das "starke Geschlecht" wieder mehr Förderungsbedarf hat. An der Friedrich-Fröbel-Grundschule bietet Schulleiter Norbert Wellmann deshalb neben den üblichen Ballspielen und Technikkursen auch Selbstbehauptungskurse für Jungen an. "Viele Themen müssen einfach wieder mehr auf Jungen zugeschnitten werden", bestätigt der Schulleiter den Handlungsbedarf.
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