Monheim: Lebensabend fern der Heimat
VON D. SCHMIDT-ELMENDORFF - zuletzt aktualisiert: 06.01.2010Düsseldorf (RPO). Viele türkische Gastarbeiter haben ihre Rückkehrwünsche immer wieder vertagt, jetzt sind sie im Rentenalter und ihre oft berufstätigen Kinder können sie nicht immer pflegen. Fremde Hilfe ist oft noch ein Tabu.
Jeden Tag fährt Tahir Ömer D. (70) von Düsseldorf nach Monheim ins Café Aydemir am Ernst-Reuter-Platz, wo er bis zum Abend bleibt. Hier trifft er Mitglieder der türkischen Gemeinde Monheims, der er selbst 20 Jahre lang angehörte. Lebensabend eines türkischen Gastarbeiters, der 1964 nach Deutschland kam, um "ein bisschen Geld zu verdienen, ein Haus zu kaufen und in die Türkei zurückzukehren." Jetzt lebt der 70-Jährige allein, die 1967 mit einer Deutschen geschlossene Ehe ging in die Brüche, zu seinen vier Kindern hat er wenig Kontakt.
Recep A. (71) wiederum ist wirtschaftlich so gut gestellt, dass er nicht – wie die meisten seiner Landsleute – erst im Sarg in die Heimat zurückkehren wird. Er verbringt schon heute ein paar Monate des Jahres in Antalya und teilt seinen Lebensabend zwischen seiner Frau und den Männerunden in der Bar auf. Seine Zuversicht, dass ihn im Pflegefall seine Kinder unterstützen werden, ist unerschütterlich. "Von der Geburt bis zum Tod ist die Familie da", sagt er.
2026 Türken
Von den 5120 in Monheim lebenden Migranten sind 2026 Türken.
3128 Menschen mit Migrationshintergrund wohnen im Berliner Viertel, 533 in Baumberg-Mitte und 441 am Sandberg. Etwa ein Zehntel der Migranten sind über 65 Jahre alt.
(Quelle: Bestandsaufnahme zur Integration vom 12/2006)
Ideal der Großfamilie
Die sogenannte 1. Generation der Gastarbeiter hat das Rentenalter erreicht, aber von den seniorenspezifischen Angeboten von Stadt und Wohlfahrtsverbänden werden sie nicht erreicht. "Die Familie wird sich schon kümmern", ist die Erwartung der deutschen Kommune.
"Es gibt zwar noch viele intakte Verbände, aber auch das Ideal des Lebens in der Großfamilie lässt sich heute nicht mehr umsetzen, weil auch die Mütter und Töchter arbeiten müssen und wollen", weiß Fatma Uzun, die seit zwei Jahren einen Pflegedienst in Langenfeld betreibt. Dennoch scheint die Abneigung der jungen Türken, die Pflege der Eltern in "fremde Hände" zu geben, einstweilen die Oberhand zu behalten. Denn die türkischen Patienten, die dem Pflegedienst FamilyCare anvertraut werden, befinden sich meist im Endstadium ihrer Erkrankung, "wenn die Kräfte der Familie erschöpft sind", sagt Uzun.
Sprachprobleme
Aber der Bedarf nach professioneller Hilfe wird in den nächsten Jahren stark ansteigen. Denn die türkischen Rentner sind durch die schwere körperliche Arbeit gezeichnet, das latente Heimweh hat sie seelisch krank gemacht. "Schon deshalb ist der Wunsch vieler, jetzt endlich in die Heimat zurückzukehren, eine Illusion: Sie würden sich dort nicht sicher aufgehoben fühlen – weil sie sich nicht mehr auskennen." Allerdings sind auch die wenigsten türkischen Senioren über ihre Ansprüche aus dem Pflege- und Sozialversicherungssystem und mögliche Hilfsangebote informiert. Dazu kommen die nie bewältigten Sprachprobleme, die gravierende Missverständnisse hinsichtlich der Pflegehinweise der Ärzte auslösen können, wie Fatma Uzun anhand eines Falles in Monheim schildert. Aber nicht nur die zum Teil mit Analphabetentum gepaarten Sprachbarrieren erschweren den Zugang zu Hilfsleistungen, Krankheit und Pflegebedürftigkeit sind Themen, über die man nicht spricht. Um die Hemmschwelle abzubauen, hat sich die examinierte Krankenschwester mit ihrem Pflegedienst auf die kulturellen Besonderheiten ihrer Landsleute eingestellt. Männern werden nur von Männern, Frauen nur von Frauen gepflegt, und gewaschen wird unter fließendem Wasser. Den Schritt in ein Pflegeheim scheuten viele türkische Rentner schon deshalb, weil sie fürchten, mit den Besuchen der weitverzweigten Verwandtschaft anzuecken, meint Uzun.
Immerhin eine kleine Chance zu einer "nachholenden Integration" auch außerhalb der Heime sieht Erkan Güneser, Kandidat auf der Internationalen Liste für den Integrationsausschuss. "Wir könnten die deutschen mit den türkischen Senioren bei Ausflügen näherbringen."
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