Baumberg: „Nur einer ist der Auserwählte“
VON JÖRG JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 19.12.2008Düsseldorf (RPO). Polit-Krimi mit Herzschlag-Finale, Sternstunde der Demokratie, Tag der Spaltung: Bei der Kür des neuen Bürgermeister-Kandidaten Tim Brühland (31) schrieb die Basis der Christdemokraten im Baumberger Bürgerhaus Parteigeschichte. Demokratie pur.
Bürgerhaus Baumberg, Mittwochabend gegen 19.45 Uhr. Es ist voll. „So voll wie nie“, sagt einer, der etwas später kommt. Mehr als 100 Menschen drängen sich in Baumbergs guter Stube. Freie Plätze gibt es keine mehr. 87 dieser Männer und Frauen sind stimmberechtigte CDU-Mitglieder aus Monheim und Baumberg. Sie wissen längst, worum es an diesem Abend geht: Um die Zukunft der Partei, die Autorität der eigenen Führungsfiguren, um die Nachfolge von Thomas Dünchheim, um die Frage, wie die nächste Kommunalwahl gewonnen werden soll. Es geht um Marion Prondzinsky-Kohlmetz (Juristin, 41) aus Monheim und Tim Brühland (Jurist, 31) aus Wülfrath.
19.50 Uhr Mitglied Christian Peters steht auf und sorgt für das erste Raunen im Saal. Der Mann behauptet, nicht förmlich eingeladen worden zu sein, will die Gültigkeit der Versammlung anzweifeln. Ein Moment der Unsicherheit. Peters diskutiert unter anderem mit Versammlungsleiter und Parteichef Markus Gronauer. Er will nicht bleiben. „Einen Grund zur Anfechtung gibt es nicht, die Briefe sind korrekt rausgegangen“, beruhigt Kreisgeschäftsführerin Dagmar Schimmer.
20.05 Uhr Bürgermeister Dr. Thomas Dünchheim steigt ans Rednerpult. Oft war er nicht auf Parteiveranstaltungen. Ein Hauch von Distanz – er ist auch an diesem Abend spürbar. Der 2009 scheidende Bürgermeister bilanziert seine Arbeit, erinnert an den Aufmarsch mit rund 2000 Fackelträgern 1999 („wir hatten einen Kameraden“) unmittelbar vor seiner ersten Wahl zum Bürgermeister. „Die SPD hat es nicht verdient, unsere Partei zu zerlegen“, sagt er. Und dass das Finden eines neuen Kandidaten länger als geplant gedauert habe.
20.10 Uhr Ein Zwischenruf von Mitglied und Steuerberater Manfred Tydecks bringt Dünchheim auf die Palme. „Da sitzen Sie bei mir im Rathaus und bitten mich, Ihnen beim Finden von Mandaten zu helfen und dann schießen sie...“ Am Rande der Versammlung verwahrt sich der Angegriffene entschieden gegen diese Wortwahl. „Ich biete meine Dienstleistungen an vielen Stellen an. Unter anderem im Rathaus. Das Wort ,Mandate besorgen’ führt völlig in die Irre.“
20.20 Uhr Am Ende von Dünchheims Rede wird klar: Es geht nicht so sehr um seine Gesamt-Bilanz. Er will, dass sein Wunschkandidat heute Abend gewinnt. Dafür bemüht er sogar die Bibel und zitiert Jesaja: Viele fühlen sich berufen, aber nur einer ist der Auserwählte – und das ist Tim Brühland!
20.30 Uhr Die Führungsgremien der Partei schlagen den „Auserwählten“ vor. „Weitere Bewerber?“, fragt Gronauer. Ex-Parteichef Karl-Heinz Göbel zeigt auf. Eine Stecknadel könnte man fallen hören. „Ich schlage Marion Prondzinsky-Kohlmetz vor.“
20.35 Uhr Tim Brühland betritt das Podium. Erstmals spricht er seine neue CDU-Basis an und sagt: „Liebe Parteifreunde in Wülfrath...“. Im Saal Raunen und „Uuh“-Rufe. Ein kleiner, der Nervosität geschuldeter Patzer. Und doch verspannt sich die Mine seines gespannt lauschenden Förderers. Der ausgebuffte Rhetorik-Profi weiß: Genau das wäre jetzt besser nicht passiert. Es kann den vor Ort gänzlich Unbekannten Punkte kosten.
20.40 Uhr Brühland spricht. Er ist redegewandt, kann sich ausdrücken. Die Anspannung ist spürbar, aber Talent hat er. Weiß auch mit 31 Jahren wie man Punkte macht. Augenzwinkernd kokett sagt der Mann, der vor seinem Jurastudium Industriemechaniker (Schlosser) lernte. „Lieber Thomas, nimm’s mir nicht krumm. Aber ich hab neben Jura auch noch was Anständiges gelernt. Ich weiß, wie man feilen, drehen und fräsen kann. Ich kann einen Nagel in die Wand hauen und das Schöne: Er bleibt auch hängen...“ Der Applaus ist an dieser Stelle besonders laut. Freilich: Die Skeptiker an den Tischen kann er nicht einfangen. Ihre Minen bleiben ernst, die Hände fügen sich nicht zum Klatschen. Einer murmelt ziemlich laut: „Ich kann mit dem absolut nichts anfangen.“
20.55 Uhr Marion Prondzinsky tritt hinter das Pult, beginnt ihre Rede. Anders als von ihrem erbittertsten Gegner Thomas Dünchheim immer wieder behauptet („nicht stress-resistent“), wirkt sie ungeachtet des auf sie ausgeübten Drucks (Gronauer und Dünchheim am Dienstagmittag: „Es gibt anders als berichtet keine Kampfkandidatur“) auch auf dem Höhepunkt des Duells natürlich, locker, nicht sonderlich nervös und dabei hochkonzentriert. Anfangs bekommt sie wenig Applaus. Doch das ändert sich rasch. „Monheim, meine Stadt, meine Herzensangelegenheit“ – so die Kern-Botschaft. Das wirkt authentisch. Jeder weiß, wer sie ist. Kennt die Kärrnerarbeit, die sie seit mehr als einem Jahrzehnt in der Politik und in Vereinen leistet. Geschickt lobt sie Thomas Dünchheims Leistungen, seine Visionen. Zitiert ein von ihm an sie gerichtetes Lob aus 2004: „Sie ist eine talentierte politische Frau, sie hat alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bürgermeister-Kandidatur.“ Zum Schluss ein Appell an die Basis: Die Mischung aus Ortsverbundenheit, Bürgernähe und Verwaltungskompetenz mache sie „zur besseren Bürgermeister-Kandidatin.“
nach 21.10 Uhr Die Fragerunde dauert länger. Tim Brühland wird über das Haushaltssicherungskonzept belehrt. Marion Prondzinsky muss sich Fragen nach ihrer Rolle in der Findungskommission gefallen lassen. Fraktionschef Günter Bosbach outet sich endgültig und bezieht Stellung gegen seine Mitstreiterin aus dem Ortsverein Mitte: „Marion, ist es richtig, dass du 2009 ein Amt in Berlin anstrebst?“ Dann erteilt Markus Gronauer Vize-Bürgermeister Karl König das Wort. Das unter Adenauer eingetretene CDU-Ur-Gestein sorgt für den Ur-Knall des Abends, lässt den zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch vorhandenen Vorteil für Brühland radikal zusammenschmelzen. Seine unmissverständliche Botschaft: Das zu lange und zu intensive Engagement des Wülfrathers bei SPD und Jungsozialisten sowie sein CDU-Eintritt im August dieses Jahres vernichte die Glaubwürdigkeit („läge bei null“) und mindere die Wahlaussichten der CDU. „Viele werden denken: Dann kann man auch direkt Ursula Schlößer wählen.“ Dem Bewerber bescheinigt er Karriere-Denken statt politischer Grundüberzeugungen. Es ist der Moment, in dem Thomas Dünchheim an seinem Tisch auch körperlich ein Stück in sich zusammensackt. Seine Mimik lässt die Rolle des Siegesgewissen fallen. Ernst, ganz ernst schaut er drein. Für einen Moment spürt er offenbar, dass es heute Abend daneben gehen könnte. Dass auch er – der forsche Siegertyp, der immer ein bisschen schlauer als alle anderen zu sein glaubt – einmal verlieren könnte...
22 Uhr Die Fragerunde ist zu Ende. Die meisten im Saal würden wohl für diesen Teil des Abends Marion Pronzinsky einen Punkt-Sieg zubilligen.
22.30 Uhr Die geheime Abstimmung ist vorüber. Es muss gezählt werden. Mehrfach. Dann das Ergebnis. Es ist knapp, verdammt knapp. Markus Gronauer: „Von 85 abgegebenen Stimmen entfielen 43 auf Tim Brühland und 42 auf Marion Prondzinsky.“
23 Uhr Die unterlegene Seite verlässt rasch das Schlachtfeld. Manche Gesichter sind blass, der ein oder andere ringt sich ein eher ironisch wirkendes Lächeln ab. Andererseits: Zwei junge CDU-Aktive hüpfen durch den Vorraum, schlagen fast Purzelbäume. Kann Tim Brühland die tief gespaltene Partei hinter sich vereinen? „DER kann das“ – sagt Thomas Dünchheim.
Gewinner des CDU-Polit-Krimis ist die Demokratie. Entgegen üblichen Spielregeln mit vorab besprochenen Lösungen, die dann auf öden Partei-Versammlungen doch nur abgenickt werden, gab es am Mittwoch-Abend eine echte Wahl. Es wurde gerungen – hart, aber fair. Dass dies überhaupt möglich war, ist das Verdienst von Marion Prondzinsky. Auch wenn ihre Rolle in der Findungskommission sowie ein spätes Aus-der-Deckung-Kommen Kritik auslösen: Die andere Seite war auch sehr „kreativ“, als es darum ging, möglichst nur mit einem einzigen Kandidaten vors Parteivolk zu treten. Für die CDU wird’s schwer. Zwar stellten sich gestern offiziell alle hinter Tim Brühland. Doch der Neustarter, der eine faire Chance verdient hat, muss nun beweisen, dass er tatsächlich DER ist, der die Partei ganz rasch wieder zusammenführt. Und die Bürger im Juni 2009 von der CDU überzeugt. JJ
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