Langenfeld/Monheim: Praxis statt Poliklinik
VON JÖRG JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 12.03.2009Düsseldorf (RPO). Die niedergelassenen Ärzte bangen um die Zukunft ihres Berufsstandes. Vor allem die aktuellen Honorare sorgen für Aufruhr. Mittwoch ließen die Orthopäden ihre Praxen geschlossen. Sie fürchten ein Drittel weniger Einkommen.
Mittwochmorgen auf der Solinger Straße in Langenfeld. Erika M. (Name geändert) steht vor der Praxis der Orthopäden Dr. Christian Fingerhut und Dr. Philip Sadlo. Sie hat starke Rückenschmerzen, fasst sich ins Kreuz. Dann entdeckt sie den Aushang. "Die haben ja geschlossen", sagt die Rentnerin leicht irritiert. Zum eigens eingerichteten Notdienst nach Monheim will sie nicht. "Dann nehme ich halt eine Schmerztablette und komme morgen wieder."
So wie Erika M. ging es gestern den meisten Langenfeldern und Monheimern, die zu einem Orthopäden wollten. Mit Praxisschließungen sensibilisierten die Spezialisten für Hexenschüsse, dicke Kniee und krumme Wirbelsäulen ihre Patienten. Der Grund für den Hilferuf heißt Fallwert. "Im zweiten Quartal 2009 darf ich pro Patient gerade noch 25 Euro ausgeben", sagt Dr. Oliver Hänsch. Der Monheimer Orthopäde hält an diesem Morgen – in Absprache mit den Kollegen – seine Sprechstunde für Notfälle offen und erklärt, wie das neue Honorarsystem funktioniert: "Die Fallzahl des Vorjahresquartals wird mit dem Fallwert multipliziert. Diese Summe beschreibt den Deckel auf meinem Grundeinkommen." Hätte Hänsch 1000 Patienten dürfte er also im kommenden Quartal 25 000 Euro umsetzen. Zu diesem Regelleistungsvolumen (RLV) kämen kleinere Extra-Budgets beispielsweise für Röntgenleistungen (fünf Euro pro Patient) hinzu.
Kontra Vorkasse
Kein Verständnis haben die meisten Ärzte für jene, die ihre Kassenpatienten um Vorkasse bitten. Internist Dr. Michael Meyer nennt diese Kollegen "Nestbeschmutzer" und ist sicher, dass es sich um Einzelfälle handelt. Auch Orthopädie-Kollege Dr. Knut Schmidt findet es "unmöglich", die Auseinandersetzung um die Zukunft der niedergelassenen Ärzte auf dem Rücken "völlig irritierter und verunsicherter Patienten" auszutragen. Der Tipp der beiden Ärzte: Eine Vorkasse- Praxis der kassenärztlichen Vereinigung sowie den Krankenkassen melden und sich schnell nach einem anderen Arzt umschauen.
Aus Sicht der Ärzte eine Katastrophe. "Im Vergleich zu den Vorjahren werde ich rund ein Drittel weniger Einkünfte erzielen", sagt Dr. Knut Schmidt. Zwar soll dieser radikale Sprung nach unten noch ein- oder zweimal durch Extrazahlungen abgemildert werden. "Doch irgendwann wird scharf gerechnet und dann stehen wir da", sagt der 46-Jährige Vater von drei Kindern, der 2001 in der Langenfelder City seine orthopädische Praxis eröffnete. Wohl gemerkt: Das Regelleistungsvolumen ist ein Brutto-Einkommen. Von den 100 000 oder 120 000 Euro Jahressumme müssen bezahlt werden: das Abstottern der Praxis (bei jüngeren Ärzten), das gesamte Personal, neue Geräte, Reparaturen, Strom und Wasser. "Das RLV-Einkommen deckt gerade diese Kosten. Ich selbst habe da noch nichts verdient", gibt Hänsch zu bedenken. Und wovon lebt der 43-jährige Vater eines Kindes? "Vor allem von Privatpatienten, Gutachten und Extra-Leistungen. Diese Dinge ergeben das eigentliche Einkommen." Ein Jahreseinkommen, dass nach Schmidts Schätzung in vielen Fällen inzwischen deutlich unter 100 000 Euro liegt.
Wie ein junger Studienrat
"Zahlreiche niedergelassene Ärzte liegen einkommensmäßig längst auf dem Niveau eines jungen Studienrats oder Richters, nur mit dem Unterschied, dass sie alle unternehmerische Risiken tragen und als Freiberufler sehr viel mehr Stunden pro Woche arbeiten", sagt Hausarzt Hans-Peter Meuser, Vize-Vorsitzender der Standesorganisation "Freie Ärzteschaft" mit bundesweit rund 5000 Mitgliedern.
Erbost über die erneute Senkung des Fallwertes ist auch der Langenfelder Internist und Hausarzt Dr. Michael Meyer. Statt 35,68 soll es ab April nur noch 34,28 Euro pro Patient und Quartal geben. 12 bis 14 Stunden täglich verbringt Meyer, der sich trotz allem Zeit für seine Patienten nimmt, in seiner Praxis. An der Gesundheitspolitik lässt er kein gutes Haar. "Chronisch Kranke und Ältere sind die Verlierer des Systems. Während man jungen Gesunden Auslandsimpfschutz für Asien oder einen Zuschuss für die Mucki-Bude hinterher wirft, wird die Behandlung der erst Genannten wegen fehlender Leistungsanreize immer unattraktiver. Hier müssen die Alarmglocken bei allen Patienten ganz laut schrillen. Denn jeder wird einmal älter und kränker."
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