Monheim: Schock bei Schwarz Pharma
VON JÖRG JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 29.08.2008Düsseldorf (RPO). Versteinerte Gesichter, Tränen, Angst: Gut anderthalb Jahre nach der Übernahme durch die belgische UCB baut das Pharmaunternehmen am Standort Monheim rund 550 Stellen ab. Konzernsprecherin: „Ein unvermeidlicher Schritt.“
Gestern Nachmittag, kurz vor vier: Im Hochregallager des traditionsreichen Medikamentenherstellers Schwarz Pharma an der Alfred-Nobel-Straße liegen Folien auf einem Projektor. Gebannt schauen mehr als 700 Menschen auf eine weiße Leinwand gegenüber. Dann nennt Martin Schneider, Vorstand Personal der Schwarz Pharma AG, eine Zahl, die manchen der Männer und Frauen das Herz stehen lässt: 550 der rund 1400 Stellen sollen noch in diesem Jahr am Standort Monheim (inklusive Außendienst) wegfallen. Alleine an der Alfred-Nobel-Straße (ohne Außendienst) werden es voraussichtlich 360 der gut 1000 Jobs sein.
Forschung geht
„Ein Drittel – das kann ich einfach nicht glauben“, sagt einer aus der Forschungsabteilung fassungslos. Die gute Nachricht, dass der Standort Monheim einschließlich des Bereichs „Entwicklung“ erhalten bleiben soll, vermag ihn nicht zu trösten. Denn neben der Verwaltung und dem Außendienst soll mit der Forschung genau jener Bereich nach Belgien und Großbritannien verlagert werden, der die Firma einst so stark machte, das es von der Gründerfamilie Schwarz-Schütte für 4,4 Milliarden Euro an UCB verkauft werden konnte.
700 statt 1000 plus X
Im RP-Interview hatte Konstantin von Alvensleben, General Manager für UCB und Schwarz Pharma Deutschland, im Oktober 2007 auf die Frage „Wie viele Menschen werden 2012 noch ihren Lebenunterhalt vor Ort verdienen?“ geantwortet: „... 1000 plus X halte ich für eine realistische Hausnummer.“ Aktuell arbeiten etwas mehr als 1000 Menschen (ohne Außendienst) an der Nobel-Straße. Nun wird die Zahl voraussichtlich auf unter 700 fallen.
Mit ihrem massiven Stellenabbau (die RP berichte bereits am 22. Juli) übertreffen die Akteure aus Brüssel und Monheim selbst die schlimmsten Erwartungen. „Für das eine Drittel tut es mir unendlich leid. Aber nur dieser Schnitt ermöglicht den anderen zwei Dritteln eine tragfähige Zukunft“, brachte Konzern-Sprecherin Antje Witte die Botschaft des „Shape“ (englisch für „in Form bringen“) genannten Programms auf den Punkt. Dabei geht es nach Wittes Angaben eben nicht um ein klassisches Kostensenkungsprogramm, bei dem flächendeckend ausgedünnt werde, sondern um die Konzentration auf das künftige Kerngeschäft. Dazu zählen aus Sicht der UCB-Gruppe vor allem Medikamente für Krankheiten des Zentralen Nervensystems (Epilepsie, Parkinson, ruhelose Beine) sowie Präparate gegen immunologische Erkrankungen (rheumatoide Arthritis). Durch den Rost fällt dagegen der allgemeinmedizinische Bereich.
„Zeiten mit Patent-Ausfällen sind schwierig“, sagte Konzernchef Roch Doliveaux in Brüssel. Will sagen: Eine sichere Einnahmequelle (Patente) fällt weg, während auf der anderen Seite die Entwicklung und Vermarktung von aktuellen Medikamenten zig Millionen Euro verschlingt. Prompt vermuteten Branchenkenner schon länger: Soll dem Unternehmen bei diesem Spagat nicht kurz vor den erhofften Erfolgen – auf der Zielgeraden – die Puste ausgeht, muss es Einschnitte vornehmen.
„Die französischen Schulen in Düsseldorf und Köln und die deutschen Schulen in Brüssel werden sich einer deutlich größeren Nachfrage erfreuen“, sagte Witte gestern mit Blick darauf, dass weltweit rund 300 UCB-Mitarbeitern ein Umzug (statt einer Entlassung) angeboten wurde. Eine Alternative, für die viele Monheimer, die dafür gar nicht in Frage kommen, gestern nur ein Kopfschütteln übrig hatten. Eine Mittvierzigerin: „Ein Reihenhaus im Zaunswinkel, die Kinder hier in der Schule, die gebrechlichen Eltern gleich um die Ecke: Das sind die Eckpfeiler meines Lebens. Diese neue globale Arbeitswelt – sie lässt mich frösteln.“
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