Baumberg: Shoa-Opfer trifft Ex-BDM-Mädel
VON SARAH TESSAREK - zuletzt aktualisiert: 21.12.2006Düsseldorf (RPO). Bei einer bewegenden Podiumsdiskussion in der Baumberger Friedenskirche erzählten die Holocaust-Überlebenden Zipora Feilovich und Tuviah Friedman sowie die einst glühende Hitler-Anhängerin Adeline Metz ihre jeweilige Geschichte.
Die Teilnehmer
Die vier Zeitzeugen, die auf der Podiumsdiskussion ihre Geschichten erzählten, haben das Naziregime aus verschiedenen Perspektiven erlebt. Zipora Feilovich hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, Tuviah Friedman hat nach dem Krieg jahrzehntelang Nazikriegsverbrecher gejagt, Ingeborg Friebe hatte als Kind sozialistischer Eltern ebenfalls unter dem Regime zu leiden, während Adeline Metz in ihrer Jugend überzeugte Nationalsozialistin gewesen ist.
Die Friedenskirche in Baumberg kurz vor 19 Uhr: „Was haben wir aus den Erfahrungen des Holocaust gelernt?“ lautet die Leitfrage einer Podiumsdikussion, die von Schülern des OHG und von dessen Partnerschule, der Shifman-High-School in Tirat Carmel, initiiert wurde. Zur Diskussion eingeladen sind neben der Holocaust-Überlebenden Zipora Feilovich und dem Nazijäger Tuviah Friedman auch Alt-Bürgermeisterin Ingeborg Friebe sowie Adeline Metz, eine Monheimerin, die einräumt, in ihrer Jugend glühende Hitler-Anhängerin gewesen zu sein.
Betroffenes Schweigen
Moderiert wird der Abend vom OHG-Schüler Levin Wagner und dem israelischen Schüler Shabi Hadash. Die Diskussion wird zweisprachig geführt – auf hebräisch und auf deutsch. Eine Dolmetscherin übersetzt die Geschichten der Zeitzeugen und die Fragen der Zuschauer für die israelischen Gäste. Als Zipora Feilovich im Saal von ihrer Zeit in Auschwitz berichtet, herrscht im Saal betroffenes Schweigen.
Die 79-Jährige erzählt, wie sie bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager mit ihrer Familie aus den Waggons gejagt wurde, wie sie ihre Eltern bereits nach einer halben Stunde verloren hatte. Sie sollte sie nie wieder sehen. Mutter und Vater wie auch ihr Brüder wurden vergast.
Trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse schlägt Zipora Feilovich versöhnliche Töne an. Sichtlich gerührt sagt sie: „Ich bin nach 60 Jahren wieder zurück nach Deutschland gekommen, und ich sehe herrliche Sachen. Die deutschen und jüdischen Kinder verstehen sich gut, die jüdischen Kinder werden wie selbstverständlich von deutschen Familien in ihre Häuser eingeladen. Ich bin entzückt, was aus diesem Land geworden ist.“ Das sie das auch wirklich ernst meint, sieht man daran, wie sie reagiert, als Ingeborg Friebe, die in ihrer Jugend von ihren regimetreuen Lehrern als „Kommunistenkind“ ausgegrenzt wurde, am Ende ihrer eigenen Geschichte den Grund für ihre Teilnahme an der Diskussion erklärt: „Wir dürfen nie wieder zulassen, dass irgendjemand, irgendwo Hass predigt.“ Spontan steht Zipora Feilovich auf, geht auf die ehemalige Bürgermeisterin zu, und herzt sie unter dem Applaus der Zuschauer. Nachdem Tuviah Friedman von seiner Flucht vor einer Massenerschießung an polnischen Juden und seiner anschließenden Jagd auf Naziverbrecher wie Adolf Eichmann erzählt hat, kommt die Monheimerin Adeline Metz zu Wort. Als die gesundheitlich stark angeschlagene Frau die Bühne betritt, hilft Zipora Feilovich ihr in den Stuhl. Der mutige Auftritt, in dem Adeline Metz von ihrer Jugend als BDM-Führerin erzählt und zugibt, dass sie damals vom NS-Gedankengut so indoktriniert war, dass sie auch ihren eigenen Vater angezeigt hätte, wenn dieser aktiven Widerstand gegen Hitler geleistet hätte, beeindruckt die Zuschauer. Eindringlich warnt sie die Anwesenden vor der Verführungskraft des Nationalsozialismus. Sie macht den Zuhörern mit ihrer eigenen Geschichte eines klar: Nicht nur der Hass selbst, sondern auch Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen hat die unsäglichen Verbrechen ermöglicht. „Ich habe damals in Amsterdam gelebt. Als die Wehrmacht in Holland einmarschiert ist, haben sich unsere langjährigen Nachbarn, eine siebenköpfige jüdische Familie, aus Angst vor den Deutschen das Leben genommen. Sie haben die Särge an mir vorbei aus dem Haus getragen. Und ich muss sagen – damals war mir das gleichgültig.“
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