Meerbusch: Flucht im rollenden Versteck
VON JAN POPP-SEWING - zuletzt aktualisiert: 25.02.2009Düsseldorf (RPO). Heinrich Hufer hatte den Krieg satt. Als junger Mann desertierte er aus einem Lazarett bei Kassel und schlug sich unter Lebensgefahr bis Lank durch. Die SPD ehrte den überzeugten Christen jetzt für 50-jährige Mitgliedschaft.
LANK-LATUM Drei Tage lang hockt der 19-jährige Heinrich Hufer mit seinem Freund Bertram im Bremserhäuschen eines ruckelnden Kohlewagens. Gestartet in Kassel, überstehen die flüchtigen Soldaten mehrere Tieffliegerangriffe und leben in ständiger Angst, in ihrem Versteck von Wehrmachts-Streifen oder SS aufgegriffen zu werden. Die NS-Machthaber würden die beiden sofort erschießen oder hängen.
Wären sie nicht geflohen, hätte sich das Duo in den nächsten Tagen in irgend einem letzten Aufgebot wiedergefunden und entweder die Alliierten besiegen oder "ruhmvoll sterben" sollen. Doch die jungen Männer haben andere Pläne. Von Kassel aus geht die turbulente Schleichfahrt ins verdunkelte Rheinland. Im zerbombten Düsseldorfer Hauptbahnhof springt Hufer ab. Nur noch nach Lank, nach Hause! Doch die Nazis hatten den Flüchtigen nicht vergessen.
Zwischen Afrika und Kaukasus
Der junge Mann hatte den Krieg gründlich satt. Mehrere Fronten musste er kennenlernen. Mit Rommels Afrikakorps marschierte Hufer bis Bengasi, mit einem Sturmgeschütz der 23. Panzerdivision zog er durch Ukraine und Kaukasus – und wieder zurück. Im Winter 1944 sollte er dann mit Hilfe ominöser Wunderwaffen in den Ardennen die haushoch überlegenen Amerikaner zurückschlagen – und sah wieder hunderte Kameraden sterben.
Als der 19-Jährige wenig später zum dritten Mal verwundet (Schuss in den Unterarm) im Lazarett bei Kassel liegt, reift bei ihm und Mitpatient Bertram (aus Neuss-Nievenheim) der Entschluss zur Flucht. Sie bringen eine Kölnerin dazu, den Zugfahrplan auszukundschaften. Im Volksempfänger hören die Kriegsmüden von "Abwehrschlachten im Raum Mönchengladbach". Die Befreiung der niederrheinischen Heimat scheint nur noch eine Frage von Tagen. Das gibt den Ausschlag zur Flucht.
Hufers Heimkehr bleibt nicht unbemerkt. Der örtliche Amtsrat meldet den Deserteur. Doch das Chaos in den letzten Tagen des Regimes, rettet Hufer das Leben. Bevor ihn die Nazis aufspüren, rücken die Amerikaner in Lank ein. Auch die Befreier erfahren bald von dem entlaufenen Soldaten. Ein Jeep mit aufgepflanztem Maschinengewehr und vier GI's hält schließlich vor seinem Schlupfwinkel. Hufer wundert sich noch heute über den Aufwand. Für wie gefährlich ihn die Amerikaner wohl gehalten haben?
Handschlag vom US-Offizier
Ein deutschsprachiger, jüdischer Verhöroffizier nimmt Hufers Geschichte auf. Er ist vom Mut des Lankers beeindruckt, gibt ihm einen "Handschlag für die Tapferkeit". In Gefangenschaft muss Hufer trotzdem. Wohl auch zu seinem eigenen Schutz vor den letzten Zuckungen des Regimes, das immer noch nach Flüchtigen fahndet. Für "ein Jahr und sieben Tage" wurde der Lanker in Frankreich interniert. Im Lager setzte sich der junge Christ für Mitinsassen ein, gründet eine Fußballmannschaft.
Zurück in Lank gelingt ihm der Neustart. Er heiratet, arbeitet als Schlosser, geht später zu den Krefelder Guano-Werken. Hufer gründet die neue Schützen-Freischar mit und engagiert sich auch politisch. Er tritt in die SPD ein, setzt sich für die Belange des Amtes Lank ein und kämpft für dessen Erhalt. Nach Gründung der Stadt Meerbusch zieht er sich zurück.
Der 83-Jährige ("Ich bin immer noch Idealist") wurde jetzt vom SPD-Ortsverein für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt. Seinen Freund Bertram, der die Flucht nach Neuss-Nievenheim fortsetzte, hat er übrigens seit dem Krieg nicht wiedergesehen.
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