Meerbusch: Horrorshow mit Top-Quoten
VON JULIA NAKÖTTER - zuletzt aktualisiert: 18.02.2008 - 10:19Patrick Häring ist raus. Auf eigenen Wunsch hat der Meerbuscher am Samstag die RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) verlassen. Beim Recall in Berlin verabschiedete er sich mit einer unschönen Geste. Zuvor gab es einen Streit, in dem Häring sich nicht den Wünschen der Jury beugen wollte.
„Ich bin doch nicht der Hampelmann, der für Bohlen irgendeinen Mist singt“, sagte Häring, der lieber eigene Songs präsentieren wollte.
Und nicht nur das. Bereits vor Härings Auftritt zerplatzte für den 20-Jährigen in Berlin ein Traum: „Dieter Bohlen forderte die Teilnehmer auf, freundschaftliches Denken auszuschalten. Es ginge ausschließlich um Vermarktung, nicht um Musik.“ Für den Meerbuscher war klar, dass diese Art der Karriere nichts für ihn ist.
Wer der nächste „Superstar“ wird und welche Voraussetzung er mitzubringen hat, definiert RTL. Eine Tatsache, die jüngst die Bayerische Landeszentrale für Medien auf den Plan gerufen hat. Für sie ist die Castingshow ein unmoralisches Angebot des Senders. Ihr Slogan: Jeder Teilnehmer kann zum Superstar aufsteigen.
Vor allem Minderjährige würden für diesen Traum vor die Jury treten, um dann als „Schlachtopfer“ vorgeführt zu werden. „Die Träumer ohne Selbstbewusstsein und Selbstkritik, die Dicken und die Unbeholfenen, die Naiven und die pubertär Überspannten laufen in das Messer einer gnadenlosen Jury“, erklären die Mitglieder des Medienrates.
Vorsitzender Erich Jooß geht vor allem mit Dieter Bohlen, Schlüsselfigur der Sendung, hart ins Gericht: „Als dreister Sprücheklopfer bedient er die Erwartungen seines Publikums und verdient damit Geld.“
Auch Wolf-Dieter Ring, Chef der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), bezeichnet die Auftritte als „hämische Inszenierung“. Derzeit prüft die KJM, ob die verletzenden Äußerungen der Jury, die sich neben den gesanglichen Qualitäten auch auf die äußerliche Erscheinung der Kandidaten beziehen, Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinträchtigen. Morgen soll es ein Urteil der Medienschützer geben.
RTL selbst freut sich indes über Top-Quoten, seit Beginn sehen regelmäßig rund 5,6 Millionen Menschen zu. Schließlich sei das Format durch die Diskussion der Medienwächter in aller Munde, heißt es bei RTL. Dennoch plane der Sender nicht, die Show in der Ausrichtung zu verändern. „Das Konzept bleibt gleich“, sagt Sprecherin Anke Eickmeyer.
„Menschen verachtende Häme“ wirft unterdessen Schlagersänger Tony Marshall dem Privatsender vor. Er verglich die Show mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo, „wo auch Menschen gebrochen werden“. Die spitze Zunge Bohlens bekam besonders Raymund Ringele aus Leverkusen zu spüren. „Wenn Du in die Berge gehst und ,Hallo Echo’ rufst, da kommt kein Echo, denn auch Echos haben Geschmack“, hatte der Produzent nach Ringeles Auftritt gesagt.
Der 17-Jährige klappte zusammen - Diagnose: Kreislaufkollaps. Nach der Sendung legte Bohlen noch einen drauf: „Der Mann war ein Simulant.“ Es sei weder die Schuld des Senders noch der Produktionsfirma, dass der Vorfall im Fernsehen schlimmer ausgesehen habe, als er tatsächlich gewesen sei.
Friedhelm Güsthoff, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes NRW, schätzt dies anders ein: „Minderjährige verdienen einen besonderen Schutz, und dieser Schutz ist nicht in erster Linie von den Eltern zu leisten, sondern von RTL.“ Dem widerspricht der Kölner Sender: „Es gibt keinen allgemeinen Bedarf, Kandidaten zu schützen.
Alle Bewerber kamen freiwillig“, sagt Sprecherin Eickmeyer. Psychologin Monika Armand erklärt, warum sich Jugendliche auf solch eine Show einlassen: „Erfolgsgeschichten wie die von Mark Medlock schüren Hoffnungen.“ Hinzu komme oft eine gnadenlose Selbstüberschätzung: „Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht wird bei DSDS öffentliche Demütigung gesellschaftsfähig gemacht.“
Kritik, die Teilnehmer Simon Gincberg aus Korschenbroich nicht teilt. „Natürlich ist klar, dass die Bewertungen der Jury hart sein können“, sagt der 21-Jährige. „Aber bei so einer Show hat man die Gelegenheit, sein Können einem großen Publikum zu präsentieren.“ Er überzeugte die Jury am Samstagabend mit dem Schmachtfetzen „How deep is your love“.
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