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Meerbusch: Integrationsrat: schillernder Kandidat

VON JAN POPP-SEWING - zuletzt aktualisiert: 02.02.2010

Düsseldorf (RPO). Auch Dr. Erhard Hartung kandidiert für den Integrationsrat. Der Arzt wurde 1971 nach einem Attentat in Italien mit vier Toten in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Hartung streitet ab, an der Tat beteiligt gewesen zu sein.

Die Wahl zum Meerbuscher Integrationsrat wird durch die Kandidatur des ehemaligen Oberarztes Dr. Erhard Hartung (67) brisant. Die italienische Justiz hat den Österreicher 1971 wegen Beteiligung an einem Sprengstoffattentat in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei dem Anschlag auf einen Strommast am italienisch-österreichischen Grenzübergang Porzescharte starben im Juni 1967 vier italienische Soldaten durch Minen.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete damals (Ausgabe 30/1967), dass am Tatort eine Botschaft des "Befreiungsausschusses Südtirol" gefunden worden sei. Hartung gehörte dem Ausschuss an, der mit Bomben für die Abtrennung Südtirols von Italien kämpfte. Der Mediziner wurde in Österreich verhaftet und saß 14 Monate in Untersuchunghaft. Das Verfahren in der Alpenrepublik wurde laut "Stern" (Ausgabe 34/1994) "im Staatsinteresse" durch den österreichischen Bundespräsidenten niedergeschlagen. Eine Auslieferung an Italien musste der Innsbrucker trotz internationalen Haftbefehls nicht fürchten, da Österreich (wie auch Deutschland) bei in Abwesenheit ergangenen Urteilen generell Zweifel an der Einhaltung rechtlicher Mindeststandards hat.

Info
Ergebnis Bei der Wahl zum Meerbuscher Integrationsrat am 7. Februar 2010 wurden sechs von zehn Kandidaten gewählt, darunter Dr. Hartung (mit 36 Stimmen).

"Nur medizinisch tätig gewesen"

Hartung will mit dem blutigen Anschlag nichts zu tun gehabt haben. Das italienische Urteil bezeichnet er als "erwiesen menschenrechtswidrig": "Im Rahmen des Südtiroler Freiheitskampfes habe ich mich ausschließlich medizinisch betätigt und so Südtiroler Freiheitskämpfer vor Folter oder Tötung durch Carabinieri bewahrt", rechtfertigt er sich gegenüber der Stadt Meerbusch. "Schmutzige Anschläge" seien von den "Freiheitskämpfern" nicht begangen worden. Er bringt statt dessen den italienischen Geheimdienst ins Spiel.

1969 flüchtete Hartung nach eigenen Angaben nach Deutschland, um sich einer weiteren Verhaftung zu entziehen, 1979 zog er nach Meerbusch. Hartung arbeitete bis zu seiner Emeritierung fast 40 Jahre lang als Anästhesist an der Düsseldorfer Uniklinik und stieg bis zum Oberarzt, Universitäts-Professor und Mitglied des Personalrats auf. In Meerbusch engagierte er sich nach eigenen Angaben im Vorstand des Fördervereins des Meerbusch-Gymnasiums und war Mitgründer des Hospizbewegung. Die Verbindung zu den Tiroler Kameraden hielt er aufrecht. Hartung wurde Ende der 70er-Jahre Erster Sprecher der "Kameradschaft der ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfer" und erläutert seitdem seine Sicht der Dinge in Vorträgen und Veröffentlichungen.

Uni-Rektor scheiterte vor Gericht

Ein Versuch des damaligen Uni-Rektors Gert Kaiser, Hartung 1994 wegen des Verdachts rechtsextremer Aktivitäten fristlos zu kündigen, scheiterte. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf gab Kaiser zunächst recht, doch das Urteil wurde vom Oberverwaltungsgericht Münster kassiert.

Während die "Bumser" genannten Südtirol-Aktivisten in Österreich und Südtirol viele Freunde haben und Rückhalt genießen, ist in Rom die Erinnerung an den Anschlagsterror der 1960er Jahre mit mehr als einem Dutzend Toten immer noch lebendig. Staatspräsident Giorgio Napolitano lehnte noch 2007 eine Begnadigung von Hartung ab. Als der Arzt nun seine Kandidatur für den Integrationsrat einreichte, machte er gegenüber der Verwaltung keinen Hehl aus seiner Vergangenheit.

Als die Politiker im Wahlausschuss über die Zulassung der Kandidaten debattierten, informierte die Verwaltung sie jedoch nicht über sein Vorleben. "Dazu bestand keine Veranlassung", so Wahlamtsleiter Michael Marschall. Denn aus strafrechtlichen Gründen kann nur von der Kandidatur ausgeschlossen werden, wer innerhalb der vergangenen fünf Jahre zu einer Haftstrafe ab einem Jahr verurteilt worden ist. Für die Rheinische Post war Hartung nicht zu erreichen.

Quelle: RP

 
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