Mettmann: „Korczak gab mir Lebenskraft“
VON R. MAIROSE-GUNDERMANN - zuletzt aktualisiert: 10.11.2006Düsseldorf (RPO). Itzchak Belfer berichtete in der Stadtkirche über Janusz Korczak und das Kinderheim Dom Sierot.
Der Zeitzeuge hatte von 1930 bis 1938 in dem Warschauer Waisenhaus gelebt. Er erklärte die Grundpfeiler der Pädagogik des Arztes.WÜLFRATH „Sie haben ein schweres Schicksal erlitten. Wie schaffen Sie es, hier so freundlich zu sein“, fragte eine Zuhörerin. „Die Kraft, so zu sein, mein Leben zu leben, habe ich von Korczak“, antwortete Itzchak Belfer. „Janusz Korczak und das Kinderheim Dom Sierot“ standen im Mittelpunkt des Vortrags, den Belfer vor gut 80 Zuhörern in der Stadtkirche hielt. Belfer (83) lebte von 1930-38 in dem Warschauer Waisenhaus, das auch Halbwaisen aufnahm. Seine Mutter hatte den jüngsten von sieben Geschwistern nach dem Tod des Vaters siebenjährig in das Heim gegeben.
Kinderheimleiter Dr. Korczak, Arzt, Pädagoge, Schriftsteller war für die Kinder, so Belfer, „Freund, Vater, Beschützer, alles in einem.“ Korczak, der 1972 posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, wurde 1878 in Warschau als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie unter dem Namen, Henryk Goldszmit geboren. Unter dem Pseudonym „Janusz Korczak“ gewann er einen literarischen Wettbewerb und behielt das Pseudonym danach sein Leben lang.
Janusz Korczak
Geboren 1878 in Warschau.
Medizinstudium in Warschau.
Studien in Berlin, Paris, London.
Betreuung von Kindern im Warschauer Armenviertel.
Militärarzt im russisch-japanischen Krieg sowie im Ersten Weltkrieg.
Arbeit im Kinderkrankenhaus.
Frei praktizierender Arzt bei Wohlhabenden, um mit den Einnahmen seine Hilfstätigkeit zu finanzieren.
1912 Eröffnung Waisenhaus „Dom Sierot“, zusammen mit Montessori-Pädagogin Stefania Wilczynska.
1942 Begleitung der 200 Waisenhauskinder auf dem Weg ins Vernichtungslager.
Schriften (Auszug) Romane: Kinder der Straße. Kinder des Salons. König Hänschen I.
Pädagogische Werke: Wie man ein Kind lieben soll. Das Recht des Kindes auf Achtung.
Menschenfreund
Übersetzt von Siegfried Kowalczyk (Küster an der Kirche St. Joseph), berichtete Itzchak Belfer über das Leben und Werk des Menschenfreunds und engagierten Pädagogen, der das, was er in seinen pädagogischen Werken vertrat, im Heim umsetzte. „Kinder werden nicht erst Menschen. Sie sind schon welche“, zitierte er das pädagogische Credo Korczaks. Die Zusammenarbeit mit Stefania Wilczynska habe dazu geführt, dass die Pädagogik durchgeführt und erlebt wurde. Zu den Grundpfeilern der Pädagogik gehörte das Recht des Kindes auf Achtung, das Recht so zu sein, wie es ist, das Recht auf optimale Entwicklung, das Recht auf den heutigen Tag, das Recht auf seinen Tod. Zitat Korczak: „Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.“ Korczak brachte den Kindern Selbstverantwortung bei. In dem Heim mussten sie alle Arbeiten und Pflichten entsprechend ihrem Alter und ihren Kräften übernehmen. Über die Deportation zu Sammelplatz und Zug nach Treblinka, 5. August 1942, zitierte Belfer Zeugen. „Es war eine Parade, wie sie vorher noch keiner gesehen hatte. Die Kinder gingen in Viererreihen. Korczak, zwei Kinder im Arm, blickte zum Himmel. Die zweite Gruppe führte Frau Stefania an. Die Ghetto-Polizisten standen stramm.“
Großes Interesse der Zuhörer
Die Zuhörer – Schüler, Lehrer, Bürger aus einem breiten Wülfrather Spektrum – lauschten Belfer mit großem Interesse. Er beantwortete geduldig und ausführlich ihre Fragen, auch wenn sie nicht zum eigentlichen Thema gehörten, seine Person, seine Frau Rosa, seine Ausstellung in der Sparkasse betrafen oder die Politik streiften.
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