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Erkrath: "Das Wir-Gefühl in Erkrath fehlt"

zuletzt aktualisiert: 22.02.2012

Erkrath (RP). Plan-lokal-Chef Thomas Scholle arbeitet zurzeit federführend am Stadtentwicklungskonzept für Erkrath. Er spricht über Reizthemen, Flächenversiegelung und die drohenden Folgen einer Überalterung der Einwohner.

Thomas Scholle  Foto:  plan-lokal
Thomas Scholle Foto: plan-lokal

Stadtentwicklung – und kein Ende. Das Büro Plan-Lokal aus Dortmund stellt zurzeit unter Beteiligung der Bürger in Erkrath ein Konzept für die kommenden Jahrzehnte auf. Darin geht es vor allem darum, den drohenden Bevölkerungsschwund und die Überalterung aufzuhalten sowie die Lebensqualität in den Stadtteilen auf Dauer zu verbessern.

Die Ideen von plan-lokal bringen viele Bürger auf die Barrikaden. Andere zweifeln die Effektivität des Konzeptes an. Wir unterhielten uns mit plan-lokal-Chef Thomas Scholle.

Herr Scholle, Ihre Arbeit wird in einigen Kreisen nicht geschätzt. Ihr bisher erarbeitetes Konzept sei auf jede andere Stadt gleicher Größe übertragbar, die Flächenversiegelung Ihr Hauptanliegen, heißt es.

Info

Im Netz nachlesen

Die vorläufigen Ergebnisse des Stadtentwicklungskonzeptes sind im Internet nachzulesen, und zwar unter: www.zukunft-erkrath.de

Mehr über die Aufgaben von plan-lokal erfährt man unter www.plan-lokal.de

Scholle Erst einmal möchte ich richtigstellen, dass wir bisher lediglich ein Zwischenergebnis präsentiert haben. Das Endergebnis kommt erst im Sommer. Alles andere sind vorläufig nur Ideen.

Aber der Flächenverbrauch ist heute schon das Streitthema?

Scholle: Und ob. Es ist ein sehr emotionales Thema und ein Reflex auf die politische Diskussion der letzten Jahre. Ich habe selten in einer Stadt die Menschen bei einem Thema so aufgebracht gesehen, wie in Erkrath. Die Diskussion hat sich schon lange verselbstständigt. Dabei macht die Flächenentwicklung nur einen kleinen Teil unserer Arbeit aus. Die anderen Themen kennt kaum jemand.

Größter Wunsch der Bürger: die idyllische Natur erhalten. Foto: plan-lokal

Es wird von manchen Bürgern kritisiert, die von Ihnen angebotenen Workshops zur Stadtentwicklung seien sehr schlecht besucht gewesen, das Interesse mäßig.

Scholle. Das stimmt nicht. Bei den Workshops in den Stadtteilen waren insgesamt gut 300 Teilnehmer. Das sind im Schnitt 50 bis 80 Personen pro Veranstaltung. Das finde ich ein sehr gutes Ergebnis.

Glauben Sie, dass Sie mit Foren und Workshops alle relevanten Themen bearbeitet und einen breiten Querschnitt der Menschen in Erkrath erreicht haben?

Scholle Wir haben drei Veranstaltungen in Gesamt-Erkrath gehabt, zwei folgen noch. Das Thema Flächenentwicklung bekam dabei zwei eigene Veranstaltungen. Wir waren fünfmal in den Ortsteilen. Wir haben Workshops für Frauen, Jugendliche, ältere Menschen und Migranten veranstaltet und Themen wie Einzelhandel, Stadtteilzentren, Wirtschaft, Stadtbild, Wohnen, Landschaft, Umwelt und Integration angesprochen. Nächste Woche startet die zweite Staffel von Fachgesprächen mit Schlüsselpersonen aus der Stadt. Ich glaube, das spricht für sich.

Foto: plan-lokal

Was sind die Hauptwünsche der Menschen in Erkrath?

Scholle An erster Stelle steht das Thema Wohnen mit der erforderlichen Bestandsentwicklung, der Wohnumfeld-Verbesserung und auch dem Thema Wohnungsneubau. Bei Neubauvorhaben sollten innovative Wohnangebote im Vordergrund stehen. Bei der Bestandsentwicklung gibt es viele Immobilien aus den 70er und 80er Jahren, an denen etwas getan werden muss. Sehr häufig wird auch der Wunsch an uns herangetragen, in Erkrath bauen zu können. Viele trauen sich nur nicht, in emotional aufgeladenen großen Runden ihr Anliegen vorzutragen. Aber die Nachfrage ist größer als das Angebot. Das bestätigen auch Makler und Kreditinstitute. Dann kommen Natur- und Freiraumschutz, das Schaffen von Arbeitsplätzen und das Nutzen von leerstehenden Gewerbebauten, denn viele Eigentümer nehmen anscheinend lieber Leerstände in Kauf, statt eine neue Nutzung zu ermöglichen.

Könnte ein Wirtschaftsförderungsamt der Stadt da nicht etwas bewegen und Einfluss auf die Eigentümer-Entscheidung nehmen?

Scholle Das sehen wir auch so. Dazu müsste die Stadt für diese zusätzliche Beratungs- und Managementaufgabe aber in Personal investieren. Mit dem derzeitigen Team ist das kaum zu schaffen.

Fühlen Sie sich von den Erkrathern manchmal missverstanden?

Scholle: Ja. Vor allem, wenn es um den Flächenverbrauch geht. Wir sind nicht angetreten, Boden zu versiegeln. Wir wollen auch nicht hauptsächlich Gewerbeflächen ausweisen. Wir wollen eher den Bestand nutzen und kleine Lücken schließen, wie beispielsweise zwischen den beiden Gewerbebetrieben an der Neanderhöhe. Wir sehen keine Flächen für größere Gewerbeansiedlungen, eher nur kleine Arrondierungsflächen. Einen großen Befreiungsschlag in Sachen Gewerbe wird es in Erkrath kaum geben. Insgesamt halten wir die Ausweisung von Wohngebieten aufgrund der vielfältigen Synergieeffekte für wichtiger.

Wo zum Beispiel?

Scholle In Unterfeldhaus, wo wir eine überdurchschnittliche Überalterung haben. Wenn wir da nichts unternehmen, wirkt sich das auf Schulen, Sportangebote, Nahverkehr und Einzelhandel aus. Das dortige Stadtteilzentrum weist jetzt schon die höchsten Funktionsdefizite auf. Ich möchte kein Horrorgemälde zeichnen, aber unter den derzeitigen Umständen möchte ich darauf hinweisen, dass dort etwas unternommen werden muss, damit kein Verlust an Lebensqualität droht.

Aber die Widerstände sind in Unterfeldhaus am größten.

Scholle Wenn es um die Pferdekoppel geht. Das verstehe ich auch. Niemand will, dass vor seiner Nase gebaut wird. Planung ist in solchen Zusammenhängen immer undankbar, weil sie nicht für alle Vorteile bringt. Aber wir sind auch dem Allgemeinwohl verpflichtet. Die Anwohner in Unterfeldhaus sollen ja nicht auf das Naturerlebnis vor der Tür verzichten. Es rückt nur etwa 150 Meter weiter weg.

Haben Sie für Ihre noch bevorstehende Arbeit Wünsche an die Erkrather?

Scholle Ja, mehr Unvoreingenommenheit. Sie sollten alle Aspekte der Stadtentwicklung bedenken. Ich vermisse ein Wir-Gefühl in Erkrath und mehr Verständnis für die Belange anderer. Nur gemeinsam kann man die Stadt und seinen Stadtteil nach vorne bringen.

Isabel Klaas stellte die Fragen

Quelle: RP/rl


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