Lintorf: Auf unerforschtem Terrain
zuletzt aktualisiert: 14.10.2006Düsseldorf (RPO). mit Dr. Josefine Lorenzen, Leitende Ärztin im Fliedner Krankenhaus. Sie ist Mitorganisatorin eines Suchtforums, das sich mit einer neuen Zielgruppe befasst: alkoholabhängige Migranten.
Offen für alle
Suchtforum: Freitag, 20. Oktober, 10 bis 13 Uhr.
Veranstaltungsort: Fliedner Krankenhaus, Thunesweg 58, Lintorf, Festsaal
Zu den Vorträgen mit anschließender Diskussion sind alle Interessierten willkommen, insbesondere Vertreter von Selbsthilfegruppen.
Info: % 303-303, Internet:
Die Therapie von alkoholabhängigen Menschen mit Migrationshintergrund ist für Experten der Suchthilfe ein Thema der Zukunft. Das Fliedner Krankenhaus veranstaltet dazu ein Suchtforum mit dem Titel „Alkoholabhängige Migranten aus Osteuropa“. Dr. Josefine Lorenzen, Leitende Ärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Suchttherapie im Fliedner Krankenhaus, erläutert die Hintergründe. Das Suchtforum ist eine öffentliche Veranstaltung.
Frau Dr. Lorenzen, es geht um „Alkoholabhängige Migranten aus Osteuropa“. Wer ist konkret damit gemeint?
Lorenzen Dies sind unter anderem deutschstämmige Aussiedler – vor allem die Männer – die aber in Ländern wie Polen, der Ukraine oder in Russland sozialisiert sind. Für diese Menschen ist der Umgang mit Alkohol aus kulturellen und gesellschaftlichen Gründen ein ganz anderer, als für Menschen, die hier aufgewachsen sind.
Inwiefern?
Lorenzen In Russland beispielsweise gehört es für die Männer zum Alltag, Wodka in großen Mengen zu konsumieren. Sie vertragen häufig auch recht viel. Diese Menschen sind konsterniert, wenn man ihnen sagt, dass sie ein Alkoholproblem haben.
Wie viele Menschen mit Migrationshintergrund kommen zur Therapie in Ihre Klinik?
Lorenzen Dies sind etwa zehn Prozent der Patienten. Bedenken muss man dabei, dass die Suchthilfe generell nur eine Minderheit der Betroffenen erreicht. Unter Deutschen kommen statistisch nur 18 Prozent der Alkoholabhängigen in Kontakt mit Suchthilfeexperten.
Gibt es neben der Herkunft andere Gemeinsamkeiten unter den Betroffenen?
Lorenzen Diese Menschen haben sehr häufig Kränkungserfahrungen. In ihrer ursprünglichen Heimat werden sie als Deutsche angesehen, und hier in Deutschland sind sie als Aussiedler oft auch nicht integriert.
Wie kommt man an diese schwierige Zielgruppe heran?
Lorenzen Das ist sehr schwer, zumal Suchtexperten ja dieses Thema gerade erst entdecken. So gibt es noch keine Erfahrungswerte. Wir wissen aber, dass unter den in den osteuropäischen Ländern sozialisierten Menschen der Zusammenhalt in den Familien und unter Freunden häufig sehr stark ist. Sie helfen sich gegenseitig und halten zusammen. Daher möchten wir in jedem Fall unsere interkulturelle Kompetenz stärken.
Das klingt noch ein wenig hölzern.
Lorenzen Zugegeben, das ist zunächst einmal ein Herantasten an ein schwieriges und bisher wissenschaftlich unerforschtes Thema. Wir stehen hier erst am Anfang. Um Antworten auf diese Frage zu finden, veranstalten wir unter anderem dieses Suchtforum. Wir brauchen veränderte Konzepte. Ansätze wären etwa muttersprachliche Therapeuten und die Aktivierung von Selbsthilfegruppen mit Migrationshintergrund. Wir arbeiten im Fliedner Krankenhaus alleine mit 18 Gruppen zusammen, die Entzug und Entwöhnung der Patienten begleiten.
Regina Hartleb führte das Gespräch.
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