Ratingen: Cromford sucht Zeitzeugen
VON CORDULA HUPFER - zuletzt aktualisiert: 26.01.2011Düsseldorf (RPO). Eine neue Ausstellung im Industriemuseum widmet sich ab September der Mode im Nationalsozialismus. Wer Zeitzeuge ist, interessante Kleidungsstücke oder Fotoalben hat, sollte sich melden.
Das Büro von Claudia Gottfried gleicht derzeit einem begehbaren Kleiderschrank. Seit knapp einem Jahr ist das Forschungsteam, dem auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter Martin Schmidt und Christiane Syré angehören, fest verzwirnt mit dem Thema "Mode unter Hitler". Das Trio will, unterstützt von einer Dozentin für Textilwirtschaft der Universität Marburg und weiteren wissenschaftlichen Hilfskräften wissen, wie es in den Kleiderschränken nach der Machtübergabe an die NSDAP im Jahr 1933 aussah; wie die Stoffe beschaffen waren, nachdem die Einfuhr von Baumwolle und überhaupt aller ausländischen Fasern und Garne verboten worden war, um ein autarkes System zu schaffen; wie und mit welchen Mitteln textile Notstände im Alltag überbrückt wurden und welche Silhouetten die Mode seinerzeit prägten. Und, nicht zuletzt, welche politische Relevanz das Modediktat der Zeit hatte.
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Die Forscher sind vor allem auf der Suche nach Sport- und Freizeitkleidung, wie sie beispielsweise vom Bund deutscher Mädel (BDM) oder überhaupt innerhalb der Hitlerjugend getragen wurde. Das Museum Cromford hat einen großen Zivilkleiderfundus, aber wenig (para-)militärische Kleidungsstücke. Leihgeber oder Spender können sich unter Tel. 864490 oder direkt im Museum, Cromforder Allee 24, melden.
Züchtig, aber weiblich
Die Beantwortung dieser Fragen soll Grundlage einer Ausstellung im Industriemuseum werden, die im September öffnet. Angereichert mit Zeitzeugengesprächen, die bereits jetzt die Cromforder Kleidersammlung aus den 30er und 40er Jahren in ein neues Licht rückten. "Erst einmal haben wir im Familien- und Bekanntenkreis geforscht und dabei herausgefunden, dass die Stücke gar nicht so alltäglich sind, wie wir dachten, sondern deutlich hochwertiger. Viele sagten, sie hätten sich sehr gefreut, wenn sie so etwas damals besessen hätten", sagt Gottfried.
Die Museumsleiterin betont vor allem die Ambivalenz der damaligen Mode. Züchtig, ungeschminkt und mit gretelhafter Flechtfrisur sollten sich die Frauen zeigen, aber auch weiblich, zur Fortpflanzung ermunternd. Vor allem wenn es sich um blonde, blauäugige Exemplare mit gebärfreudigen Hüften handelte. Modische Auftritte im Stil von Ufa-Diven waren den Frauen der Befehlshaber vorbehalten, wobei ihre luxuriösen Gewänder, Pelze und Schmuckstücke häufig zweifelhafter Herkunft waren und allem widersprachen, was fürs einfache Volk verbindlich war.
Große Schuhfabrikanten der Zeit hätten ihre Produkte in Konzentrationslagern testen lassen, wo Häftlinge auf Spezialstrecken zu Tode gehetzt wurden. "Der politische Aspekt des gesamten Themas ist heikel, wurde deshalb von der Forschung vernachlässigt", weiß Claudia Gottfried.
Das Projekt zur Bekleidungsgeschichte der 30er und 40er Jahre wird mit rund 350 000 Euro von der Volkswagen-Stiftung gefördert. Damit wurden etwa die wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen im Museum aufgestockt, "damit Zeit da ist, um forschen zu können", sagt Claudia Gottfried. Die Stärkung der immer seltener werdenden Forschung in kleinen und mittleren Museen habe sich die Volkswagen-Stiftung zur Aufgabe gemacht. Überall im Lande säßen Museen auf Schätzen, die aus personellen Gründen nicht gehoben werden könnten. Cromford sei eines von bundesweit zehn Häusern, die von der Stiftung unterstützt werden.
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