Ratingen: Der Hirte von Ost
VON MORITZ SCHOLZ - zuletzt aktualisiert: 14.04.2007Düsseldorf (RPO). Mitten in Ratingen Ost stehen auf einer Wiese in einem Wohngebiet drei riesige Ziegen. Carl Caspari (78) kümmert sich seit 20 Jahren um die Tiere. „Sie sind anhänglicher als Hunde.“
Es ist kurz nach fünf, als Carl Caspari mit einem Eimer voller Küchenabfälle auf seine Ziegenwiese tritt. Er hat kaum das Tor hinter sich geschlossen, da umringen ihn schon gierig drei riesige, fast mannshohe Tiere. Auf einem Bauernhof wäre diese Szene nichts Besonderes. Aber es sind keine Felder, die die Wiese umgeben, vielmehr sauber nebeneinander gebaute Mehrfamilienhäuser, direkt auf der Max-Scheiff-Straße, mitten in Ost.
Am hinteren Ende der Wiese ist der Stall der drei Deutschen Edelziegen, die dort leben. Vor dem Stall steht eine Bank, Caspari setzt sich. „Es ist ungewöhnlich ruhig gerade“, sagt er. „Normalerweise stehen immer viele Kinder aus der Nachbarschaft an dem Zaun, um die Ziegen zu sehen. Aber gestört gefühlt hat sich durch die Tiere noch nie jemand.“ Vor 20 Jahren, als alles anfing, gab es die Häuser drumherum noch nicht, die kamen erst später. „Ich stamme aus einer landwirtschaftlichen Familie aus dem Sauerland“, fängt Caspari wieder an zu erzählen.
„Als ich dann vor etlichen Jahren nach Ratingen gekommen bin, wollte ich diese Atmosphäre irgendwie wieder herstellen und habe mir zunächst einen Esel und ein Pony hier auf die Wiese gestellt.“
Doch der Esel ging ein, und man brauchte Ersatz, damit das Pony nicht allein blieb.
Schließlich kam Caspari über seinen Schwiegersohn an einen Züchter in Rees, der sich auf die riesigen Ziegen spezialisiert hatte.
„Ich habe die Tiere von Anfang an gemocht, sie sind anhänglicher als Hunde“, erklärt der 78-Jährige seine Beweggründe. „Irgendwann hatten wir schließlich sechs Stück und mir kam die Idee, dass man damit doch auch ein Gespann bilden könnte.“ Einmal auf den Geschmack gekommen, begann Caspari, mit den Tieren zu trainieren. „Ich habe mit einem Bollerwagen angefangen und es war eine unglaubliche Arbeit, bis ich soweit war, dass die Tiere eingespannt vernünftig nebeneinander liefen. Mit Gewalt lässt sich da nämlich nichts machen, das geht nur mit Geduld.“ Doch die Mühe zahlte sich aus. Angefangen bei Karnevals- und Schützenzügen sprach sich die Existenz dieses exotischen Gespannes schnell rum.
„Wir hatten schließlich Anfragen von allen Seiten“, erzählt Caspari stolz. „Wir waren zum Beispiel in Warstein im historischen Zug zum 300-jährigen Bestehen der dortigen Brauerei, oder im Showprogramm der Kutschenweltmeisterschaften.“
Doch trotz der Freude schwingt auch Melancholie in den Erzählungen mit.
„Ja, es geht halt alles zu Ende. Die älteste Ziege ist 14, sie wird das Jahr nicht überleben. Ich bin auch alt. Früher bin ich mit den Ziegen hier immer noch durch die Siedlung gezogen, das schaffe ich heute nicht mehr. Meine Kinder wohnen hier zwar um die Ecke. Sie haben aber kein Interesse, das weiterzuführen.“ Seufzend steht Caspari auf. „Es geht alles zu Ende.“
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