Homberg: Der Kunst-Immigrant
VON MELANIE MEYER - zuletzt aktualisiert: 04.11.2008Düsseldorf (RPO). 1973 verschlug es Yildirim Denizli nach Ratingen. Sein Weg führte ihn an die Kunstakademie Düsseldorf. Damals war er dort fast der einzige ausländische Student. Heute sieht der Bildhauer die Kunst als seine Lebensaufgabe.
Empfindung, Gefühl, Herz, Gemüt, Seele und Geist sind schon bei Johann Wolfgang von Goethe und Wilhelm Heinrich Wackenroder Synonyme für den Begriff des Genies eines Künstlers. Wahre Kunst sei Gott gegeben und liege in der Seele versteckt, heißt es weiter. Diese zwar hoch gegriffene und vielleicht veraltet scheinende Beschreibung triff in der Tat auf einen Ratinger Künstler zu – Yildirim Denizli. Er hat seine ganz eigene Auffassung von einer Künstlerpersönlichkeit: Er lebt für die Kunst. Sein kreatives Schaffen ist keine schnöde Fassade und weit entfernt von Eskapaden und Trends.
Der türkischstämmigen Bildhauer bezeichnet seit 1973 Ratingen als seine Wahlheimat. Er hat es nicht gerne, wenn man über seine Person spricht. Schließlich gehe es nicht um ihn, sondern um die Kunst, die er zwar schaffe, für die er aber er nur Mittel zum Zweck sei.
Er sitzt zurückgelehnt auf einem alten Stuhl, isst eine aus der Türkei importierte Wassermelone und erzählt von seiner Kindheit und seinem starken Willen, Ost-Anatolien für die Kunst zu verlassen. Er leugnet seine Heimat nicht, ganz im Gegenteil. Ganz kritisch setzt er sich mit ihr, seinem Glauben und überhaupt mit seiner Umwelt und den Menschen auseinander. Wobei die Kunst nicht Ausdruck seiner Gefühle ist – Denizli versteht sie als seine Aufgabe.
Jedoch ist ein Blick auf seine Biographie hilfreich, um seinen Weg zu verstehen. Mit nicht mehr als ein paar Kohlezeichnungen in kleinen Notizbüchern sei er als Junge nach Istanbul gefahren, um sich an der Akademie zu bewerben. „Ich wurde zwar angenommen, aber ich hielt es nicht länger als einen Monat in der Großstadt aus und fuhr zurück nach Hause“, sagt er. Seitdem er denken kann, habe er gezeichnet, sagt Denizli. So wundert es nicht, dass der Sohn eines Metzgers einen zweiten Versuch ein Jahr später in Istanbul wagte. Jedoch ging er diesmal nicht an die Akademie, sondern an die staatlich anerkannte Hochschule für Kunst. Hier entdeckte der Künstler die Bildhauerei mit dem Schwerpunkt Keramik für sich.
Die Kunst war es auch, die Denizli 1969 für ein Praktikum bei Keramag nach Ratingen führte. Fast bescheiden blättert er in den Notizbüchern von damals. Sein Gesicht zuckt kurz, dann legt er die Hefte weg und sagt: „Ich habe mir ein dickes Fell angelegt.“
Sein Weg führte ihn weiter an die Kunstakademie Düsseldorf. Damals sei er fast der einzige ausländische Student gewesen, erinnert er sich. Deutsch habe er aus einem Lehrbuch für Gastarbeiter gelernt.
Wenn man heute das Atelier von Denizli betritt, so scheint der Betrachter überflutet zu werden von Holzskulpturen. Der Weg führt über einen Treppenaufgang vorbei an unzähligen lebensgroßen Skulpturen und fantastischen, tiefgründigen Objekten, hinauf zur Empore. Er selbst sehe jedes Objekt, jede Installation für sich, sagt Denizli. Die Kunst arbeite Tag und Nacht in ihm. Er könne einfach nicht anders. Kunst sei eben seine Lebensaufgabe. Längst ginge es ihm nicht mehr um Erfolg oder Ruhm, sondern darum, der Kunst auf den Grund zu gehen – zu fragen, was erwartet der Mensch von der Kunst? Wie soll sie wirken? Und – welche Rolle spielen dabei der Künstler und welche der Betrachter?
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