Hösel: Der Schatz unterm Dach
VON GISELA SCHÖTTLER - zuletzt aktualisiert: 24.12.2008Düsseldorf (RPO). Werke des Münchener Künstlers Otto Quante schlummerten 40 Jahre lang unerkannt in einer Kammer in Hösel. Hausbesitzer Rudolf Fuhrmann entdeckte die Werke und hofft nun auf die Auflösung der rätselhaften Geschichte.
Ein merkwürdiger Schatz liegt seit 40 Jahren in einem Haus am idyllischen Amselweg, und bis heute ist ungeklärt, wie er dorthin gekommen ist. Der Schatz, das sind zwei große Kartons mit Druckplatten von hübschen Kaltnadel-Radierungen. Ihre Motive sind Genrebilder von Menschen an der Tankstelle, in der Kneipe oder Kirche, ruthenische Bäuerinnen, ein Indianer in prächtigem Federschmuck, aber auch Landschaften und Bauten. Erst seit drei Jahren weiß Hausbesitzer Rudolf Fuhrmann überhaupt etwas über den Künstler, der die Radierungen zwischen 1921 und 1940 anfertigte: Es ist der Münchener Radierer Otto Quante.
Thelen war die richtige Adresse
Anlass, sich eingehend mit dem gewichtigen Bestand zu befassen, war für Fuhrmann die Einladung des Stadtmuseums Ratingen zur Eröffnung der Druckwerkstatt. Er hatte ohnehin aus einem Impuls heraus vor einigen Wochen 15 bis 20 Platten in einem Köfferchen in sein Auto gepackt, um sich bei passender Gelegenheit einmal in irgendeiner Galerie zu erkundigen. Klaus Thelen, der kommissarische Museumsleiter, war schließlich für ihn die richtige Adresse. Der griff nach dem bewährten Künstlerlexikon von Thieme-Becker und fand im Band 27 dann auch genauere Daten, die sich später aus dem Internet weiter ergänzen ließen.
Otto Quante, 1875 in Minden geboren, ließ sich zunächst als Dr. med. (Augenarzt) in München nieder. 1907 aber schloss er seine Praxis und absolvierte ein Kunststudium in Worpswede bei Mackensen, in Karlsruhe (Conz und Schmid-Reutte) und in München (Knirr). Als Bildnis-, Figuren- und Landschaftsmaler und Radierer im Stil des naturalistischen Realismus muss er vor allem zwischen 1915 und 1930 einigen Erfolg gehabt haben. Noch heute sind Arbeiten von ihm im Kunsthandel aufspürbar. Er starb 1947 in Naumburg/Saale.
Über 90 Kilo schwere Kartons
Wie aber kamen weit über 100 Druckplatten, von denen sogar einige noch nie abgedruckt worden sind, nach Hösel? Das würde Rudolf Fuhrmann, der in wenigen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert, gerne wissen. Als er nämlich 1968 das Einfamilienhaus am Amselweg kaufte, standen die zwei über 90 Kilo schweren Kartons in einer niedrigen Abstellkammer unter der Dachschräge. Sie waren die letzte Hinterlassenschaft des kurz vorher verstorbenen Hausbesitzers Jorissen, und als er dessen Sohn und Verkäufer des Hauses auf die möglicherweise vergessenen Platten ansprach, habe der nur gesagt: „Die sind nichts wert, die können Sie wegwerfen.“
Fuhrmann hatte anderes um die Ohren, als sich mit alten Radierungen zu befassen. Als Industriekaufmann, der sich von der Lebensmittelfabrik Peter Kölln in Elmshorn über die Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl in Düsseldorf bis zum Direktor bei den Salzgitterwerken emporgearbeitet hatte, war er in 40 Jahren sicher tausendmal in Paris gewesen, aber so gut wie nie in der Bodenkammer.
Erst vor sieben Jahren packte ihn die Neugier, was nun wirklich in den Kartons unterm Dach schlummerte. Als er sie zu bewegen versuchte, wurde ihm klar, warum der Hauserbe sie stehengelassen hatte. Fuhrmann musste sie in kleinere Kisten umpacken, um sie über die engen Wendeltreppen in den Keller zu bringen und sichten zu können. Irgendwann hatte wohl seine 1996 verstorbene Frau schon einmal von acht Platten Abdrucke machen lassen. Seine Tochter listete 65 Werke auf, ein Ratinger Antiquitätenhändler zeigte aber kein Interesse. Dabei blieb es dann, bis nun die Druckwerkstatt im Museum einen neuen Impuls gab. Vielleicht lässt sich das Rätsel ja doch noch lösen.
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