Heiligenhaus: DLRG: Viele Kinder können nicht schwimmen
VON LESLIE BROOK UND PAUL KÖHNEN - zuletzt aktualisiert: 07.06.2010 - 07:08Düsseldorf (RPO). Ein fünfjähriger Junge ist am Samstag in einem Schwimmbad in Heiligenhaus ertrunken. In Ahaus schwebt ein weiterer vier Jahre alter Junge nach einem Badeunfall in Lebensgefahr. Die Zahl der im Wasser verunglückten Kinder unter sechs Jahren steigt laut DLRG: Viele können nicht schwimmen.
Der Start in die Badesaison am bisher wärmsten Wochenende des Jahres ist in NRW mit zwei tragischen Badeunfällen zu Ende gegangen. Im Freibad "Heljensbad" in Heiligenhaus ist ein fünfjähriger Junge am Samstagnachmittag im Nichtschwimmerbereich ertrunken. Zwei Kinder hatten den leblos im Wasser treibenden Jungen bemerkt und die Aufsicht alarmiert. Versuche, den Jungen am Beckenrand wiederzubeleben, blieben erfolglos. Ein Vierjähriger aus Gütersloh schwebt nach einem Badeunfall noch immer in Lebensgefahr. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, wurde das Kind leblos im Nichtschwimmerbecken eines Schwimmbades in Ahaus (Kreis Borken) gefunden. Ein als Rettungsschwimmer ausgebildeter Badegast konnte den Jungen wiederbeleben. Er wurde mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen. In Hessen starb ebenfalls am Samstag in einem Schwimmbad in Baunatal ein Siebenjähriger. Er lag leblos auf dem Grund des Schwimmbeckens. Bereits am Pfingstsonntag war ein Achtjähriger in einem Hallenbad im baden-württembergischen Nattheim ertrunken. In allen vier Fällen ist bislang nicht geklärt, wie es zu den Unfällen kommen konnte.
2009 474 Menschen sind bei Badeunfällen in deutschen Gewässern ertrunken, davon 60 in Nordrhein-Westfalen.
Gruppen Gefährdet sind laut DLRG besonders alte Menschen und Kinder.
Bundesländer Bayern führt die Statistik an (96), es folgen Niedersachsen (63), Baden-Württemberg (61) und Nordrhein-Westfalen.
Die Zahl der Todesfälle von Kindern im Vorschulalter nimmt laut DLRG weiter zu. 24 Jungen und Mädchen bis zum fünften Lebensjahr kamen 2009 bundesweit bei Badeunfällen ums Leben, in Nordrhein-Westfalen waren es drei. Von den insgesamt 60 ertrunkenen Menschen in NRW starb nur einer in einem Schwimmbad. "Dramatisch", findet DLRG-Sprecher Wolfgang Worm die Entwicklung, die sich in der Badesaison 2010 andeutet. Die meisten Kinder in dieser Altersgruppe könnten noch nicht schwimmen. "Nur ein ganz kleiner Anteil der Kinder hat das Seepferdchen, wenn sie in die Schule kommen." Laut einer DLRG-Studie können beim Verlassen der Grundschule 45 Prozent der Schüler noch immer nicht sicher schwimmen.
Die Schwimmfähigkeit der Kinder habe sich verschlechtert, weiß auch Elke Struwe. Die Vorsitzende der Schwimmjugend im Schwimmverband NRW kennt mehrere Gründe dafür: Eltern setzen "im Überangebot der Aktivitäten" andere Prioritäten oder sehen es als Luxus an, für Kinder einen Schwimmkursus zu buchen. Zudem wollen immer mehr Kommunen in Zeiten leerer Kassen einige ihrer Schwimmbäder schließen. "Schwimmbäder sind kein Pflichtangebot einer Stadt", sagt Worm – deshalb landeten sie häufig auf der Streichliste. Doch für Verbände, Vereine und Schulen bedeute das immer weniger Termine für Schwimmkurse und Trainingszeiten. "Das wird dazu führen, dass wir zukünftig mehr Nichtschwimmer, weniger Rettungsschwimmer und somit eine höhere Zahl Ertrinkender haben werden."
Es gibt in NRW Projekte, um die Sicherheit von Kindern beim Schwimmen früh zu fördern. Erzieher können eine Zusatzqualifikation machen und Kindergartenkindern das Schwimmen beibringen, sagt Elke Struwe vom Deutschen Schwimmverband. Denn: "In vielen Grundschulen herrscht ein Mangel an Sportlehrern, häufig fällt das Schwimmen weg."
Das Angebot an Schwimmkursen für Kinder jeden Alters sei groß, sagt Wolfgang Werthschule, Vorsitzender des Landesverbandes der Schwimmmeister in NRW. "Doch es muss auch angenommen werden." Für Kinder sei es wichtig, sich schon früh an das Element Wasser zu gewöhnen. "Es ist fatal, bei 30 Grad plötzlich ins Freibad zu gehen, wenn Kinder vorher nie mit Wasser in Berührung gekommen sind." Spaßbäder bestärken laut DLRG-Sprecher Worm die Entwicklung. Kinder gingen lieber "dreimal rutschen", als im Verein Schwimmen zu lernen.
Bei vielen der Badeunfälle 2009 sei laut DLRG ursächlich die Aufsichtspflicht verletzt worden. Kinder unter sieben Jahren dürfen nicht unbeaufsichtigt ins Becken. Worm: "Die Begleiter müssen in Griffweite bleiben." Kinder sollten niemals ungesichert ins Wasser gehen, sondern Schwimmflügel oder Schwimmweste tragen, betont Wolfgang Werthschule.
Im Fall des Fünfjährigen aus Heiligenhaus liegen laut Polizeisprecher Frank Sobotta "keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden" vor. Der Junge war Nichtschwimmer. Seine Mutter, eine 24-jährige Heiligenhauserin, war mit zwei weiteren Kindern, zwei und vier Jahre alt, nicht mit im Wasser. "Das Geschehen war wohl anfangs gar nicht als Unfall zu erkennen. Erst, als die Kinder aufmerksam wurden, konnten die Aufsichten eingreifen. Die Mutter war völlig überrascht, dass er überhaupt allein ins Wasser ging." Mit Rücksicht auf die Mutter und die Mitarbeiter des Bades verzichtete die Polizei gestern zunächst auf weitere Befragungen. Sobotta: "Es war für alle Beteiligten ein Riesenschock".
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