Ratingen: Eine unglaubliche Geschichte
zuletzt aktualisiert: 29.05.2009Düsseldorf (RPO). Interview mit Achim Hagemann, musikalischer Begleiter von Hape Kerkeling und Schlagzeuger der Kabarett-Band "Popolski Familie".
Der Beginn
Der Legende nach begann die Erfolgsgeschichte der Familie Popolski folgendermaßen:
Nachdem der Kirchenkantor Pjotrek Popolski vor 100 Jahren beim Pfarrfest in Pyskowice 22 Gläser Wodka getrunken hatte, setzte er sich auf sein Fahrrad und radelte durch den strömenden Regen singend zurück in seine Heimatstadt Zabrze. Gut gelaunt ersann er eine kleine Melodie, die später als der Gassenhauer "Ei dobrze, dobrze dralla" zu lokaler Berühmtheit gelangen sollte. Die vier Akkorde der Komposition wurden später von erstaunten Fachleuten in 90 Prozent aller internationalen Tophits wiedererkannt. Das Lied gilt heute in Polen nicht nur als der erste Popsong der Musikgeschichte, sondern auch als Beginn der unglaublichen Geschichte der Familie Popolski.
Es war im Frühjahr vergangenen Jahres, an Ostern, als das Bild im Spätprogramm des WDR-Fernsehens zum ersten Mal eigenartig krisselig und braunstichig wurde. Auf einmal blickte der Zuschauer Pullunder tragenden, Wodka trinkenden Menschen ins Gesicht, die in ihren gebrochen deutschen Ansagen außer "der" konsequent alle Artikel ausließen. Man habe sich von einer polnischen Plattenbausiedlung aus ins deutsche Fernsehprogramm gehackt, um etwas klarzustellen, behauptete ein Herr mit Riesenschnauzbart. Er stellte sich als Pavel Popolski vor und räumte mit der Legende auf, dass alle guten Pop-Songs aus England, Amerika oder Deutschland kommen. In Wahrheit, sagte er, seien sämtliche Welt-Hits von Opa Pjotrek Popolski geschrieben worden, die dann aber in die Hände eines skrupellosen Gebrauchtwagenhändlers fielen, der die Melodien an kopierwillige Weltstars verkaufte.
Hinter der Schnauzbart-Maske steckte Achim Hagemann, und die Geschichte, die er erzählte, war so falsch wie die Haare in seinem Gesicht. Hagemann ist der Erfinder der Musik-Comedy-Band "Der Popolski Familie", deren Live-Shows mittlerweile Kultstatus genießen. Als vermeintliche Nachkommen von Opa Pjotrek Popolski ziehen die Musiker seit einigen Jahren durch die Lande. Am Samstag treten sie bei der Ratinger "Zelt Zeit" auf. Die RP hat mit Hagemann über das aktuelle Programm gesprochen – und über seinen guten Freund und Kollegen, Hape Kerkeling.
Herr Hagemann, rund 70 Live-Shows pro Jahr, eine eigene Fernsehsendung – die Familie Popolski ist mittlerweile fast so berühmt wie die Stars, die angeblich Opa Pjotreks Songs geklaut haben sollen. Freut man sich da noch auf jeden Auftritt, zum Beispiel bei der Ratinger "Zelt Zeit"?
Hagemann Klar. Wir freuen uns immer darauf, spielen zu können. Und die Leute merken auch, dass wir Bock darauf haben, Musik zu machen. Vor allem im Rheinland haben wir viele geile Konzerte gehabt.
Sie leben in Köln. Kennen Sie Ratingen?
Hagemann Ratingen hab' ich ganz früh kennengelernt. Dort gibt es ein ganz spezielles Musik-Fachgeschäft. Da hab' ich mir damals meinen ersten Synthesizer gekauft. Ich muss so 16/17 Jahre alt gewesen sein. Schöne Stadt.
Furchtbare braune Karo-Pullunder, Seitenscheitel, Wodka-Gelage, Popolski-Deutsch – in Ihrer für den Grimme-Preis 2009 nominierten Fernsehsendung und auch bei den Live-Auftritten spielen Sie bewusst mit den schlimmsten Polen-Klischees. Glauben Sie, dass am Samstag auch polnische Zuschauer ins Zelt am Grünen See kommen werden?
Hagemann Eigentlich ist das bei jedem unserer Auftritte so. 20 Prozent der Gäste kommen mittlerweile aus Polen. Die reisen sogar mit Bussen zu den Konzerten an. Das liegt zum einen ganz sicher daran, dass Polen gut über sich selbst lachen können. Zum anderen ist es ja so, dass wir das alte Autoklauer-Klischee ins Gegenteil verkehren. Bei uns sind es die Polen, die beklaut wurden. Außerdem lassen wir uns auch von polnischen Kollegen beraten. Sie schreiben unsere Texte und spielen auch in der Fernseh-Show mit. Gerade drehen wir neue Folgen in Polen, die wahrscheinlich im Herbst gesendet werden sollen. So viel kann ich verraten: Diesmal sind echte Stargäste dabei, die uns im Wohnzimmer besuchen.
Wie entstand eigentlich die Idee, mit einer Band die großen Hits der Popgeschichte ganz, sagen wir mal "anders" zu präsentieren?
Hagemann Ich hab' damals nach einer Geschichte für die Band gesucht, und sie nach einem langen Wodka-Abend mit polnischen Freunden gefunden.
Haben Sie keine Angst, dass sich die Idee irgendwann abnutzt?
Hagemann Nein. Ich glaube, die "Popolski Show" ist unbegrenzt ausbaubar. Man kann sich zum Beispiel, statt ausschließlich mit der Musik, mit Tieren oder Trendsportarten aus Polen beschäftigen. Oder mit der Familiengeschichte der Popolskis. Wir schreiben gerade am neuen Programm.
Bekannt geworden sind Sie vor anderthalb Jahrzehnten, als musikalischer Begleiter von Hape Kerkeling. Bei "Total normal" und "Hurz" saßen Sie am Piano. Wie und wo haben Sie Kerkeling kennengelernt?
Hagemann Wir haben beide die Liebfrauen-Grundschule in Recklinghausen besucht. Hape ist einer meiner ältesten Freunde. Gerade stehen wir wieder gemeinsam im Studio.
Irgendwann wurde es dann ruhig um Sie. Was haben Sie zwischen "Hurz" und den "Popolskis" gemacht?
Hagenmann Ich habe in meinem Düsseldorfer Studio als Filmmusiker gearbeitet und auch die ein oder andere Platte aufgenommen.
Gibt es eigentlich Künstler, die Ihnen Ihre Scherze krumm nehmen? In Ihrer Show kursiert ja zum Beispiel das angebliche Sprichwort: "Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen".
Hagemann Bislang gibt es nicht einen, der sich beschwert hat. Die finden das offenbar alle gut, was wir machen.
Julia Hagenacker führte das Gespräch.
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