Ratingen: "Freie Kunst wird abgedrängt"
VON CORDULA HUPFER - zuletzt aktualisiert: 21.01.2012Ratingen (RP). Ratinger Künstler wollen den Trinsenturm als Ort für Ausstellungen erhalten und haben Konzepte für die künftige Nutzung vorgelegt. Die Stadt schmiedet andere Pläne. Sie will die Puppensammlung des Stadtmuseums dort unterbringen. Alternative Räume für die Künstler hat sie nicht.
Werner und Jutta Köhler fänden es "mehr als schade", wenn sich die Kulturverwaltung mit ihrem Vorschlag, der kommende Woche im Kulturausschuss diskutiert wird, durchsetzt. "Ein Puppenmuseum ist doch eine sehr statische Angelegenheit", sagt das Fotografenpaar, das für mehr Dynamik im historischen Gemäuer sorgen wollte – in Form wechselnder Ausstellungen mit anderen Künstlern aus dem Kreis Mettmann und aus Düsseldorf. An 15 bis 20 Wochenenden im Jahr – "unter der Woche verirrt sich sowieso niemand zum Wehrgang" – könnten sie einen solchen Ausstellungsbetrieb künftig organisieren, wie bisher gegen Miete an die Stadt und mit Werbung aus eigenen Mitteln, heißt es in dem Konzept, das die Köhlers im Kulturamt vorgestellt haben.
Die Stadt strebt laut Vorlage für den Kulturausschuss aber eine umfassendere, kontinuierliche Öffnung des Turms für Besucher an. "Ein komplettes Jahr abdecken, das können wir nicht schaffen", sagen die Köhlers, die 2010 erstmals eine eigene Schau im Turm hatten, nachdem sie zunächst gemeinsam mit Monika Sowa dort ausstellten.
Sowa selbst lädt seit 15 Jahren einmal im Jahr zur Begutachtung neuer Speckstein-Arbeiten in den Turm ein – und wollte dort 2012 wieder ausstellen, zusätzlich auch noch einmal gemeinsam mit den Westkünstlern. "Es wäre sehr schade, wenn der Turm nun für Kunstausstellungen nicht mehr genutzt werden kann. Dass er die Puppenausstellung beherbergen soll, ist in meinen Augen nicht gerade förderlich. Wie schnell läuft sich das doch tot, und mit welchem Aufwand will man dann Besucher in den selbst bei alteingesessenen Ratingern unbekannten Turm locken", sagt Sowa.
Einen alternativen Plan für den Ausstellungsbetrieb im trutzigen Turm hat auch die Malerin Anja Sonneson. Ende 2011 zeigte sie erstmals ihre Arbeiten ("bewegte Malerei") im Turm und fing sofort Feuer für das historische Bauwerk: Klein und verwinkelt, atmosphärisch daher höchst wertvoll, befand die gebürtige Ratingerin, die gleich nebenan in Düsseldorf lebt. Gemeinsam mit einem befreundeten Kunsthistoriker hat sie ein Konzept entwickelt, das Ausstellungen, Einzelschauen und Themen-Ausstellungen, mit Ratinger Künstlern, mit Künstlern aus Ratinger Partnerstädten und aus anderen, deutschen und womöglich auch internationalen Städten vorsieht, ergänzt durch Vorträge, Lesungen und gelegentliche Besuche von Schulklassen.
Die Ratinger Note beibehalten und den Turm gleichzeitig für neue Künstler und Besucher von außerhalb öffnen, das schwebt Sonneson vor. Fremde Künstler will sie allerdings gegen Gebühr ausstellen, was einer Galeristentätigkeit im kleinen Stil gleichkommt – was wiederum der Stadt ein Dorn im Auge ist, die den Turm eben nicht bei freier Vermietung für kommerzielle Zwecke zur Verfügung stellen will, betont Kulturamtsleiterin Andrea Töpfer.
Töpfer sorgt sich außerdem um die Qualität dessen, was bei Vermietung zu freien Händen im Turm gezeigt würde. Bislang hat der Ende 2011 aufgelöste Verein Galerie Kunstturm, der ein Nutzungs-Vorrecht genoss und viermal im Jahr zu Ausstellungen mit Schülern der Düsseldorfer Kunstakademie einlud, mit sicherer Hand gefiltert. Andere Kunstschaffende, die am Wehrgang ausstellen wollten, mussten sich und ihre Arbeiten erst einmal im Kulturamt vorstellen. Ginge der Ausstellungsbetrieb weiter, müsse das Kulturamt Mitspracherecht behalten, sagt Töpfer.
Die freien Ratinger Künstler hat Töpfer im Blick, sie braucht aber auch einen neuen Standort für die "hochwertige Sammlung von Puppen und Spielzeug" des Stadtmuseums, das derzeit renoviert und umgebaut wird. Die Puppensammlung lasse sich nur schwer mit den inhaltlichen Schwerpunkten des Hauses – Kunst und Stadtgeschichte – verbinden, sagt die Kulturamtsleiterin. Sie erfreue sich aber hohen Zuspruchs und könnte im Turm, in unmittelbarer Nähe des Stadtmuseums, in Kooperation mit dem Verein Ratinger Puppen- und Spielzeugfreunde neu inszeniert werden. Der Verein würde dafür von der Stadt einen Zuschuss in Höhe der Betriebskosten (1160 Euro) für die Nutzung des Turms erhalten.
Was aber bleibt als freie Ausstellungsfläche, wenn der Turm zum Puppenmuseum wird? Die vom gleichnamigen, freien Künstlerverbund betriebene Künstlerloge, ein ehemaliges Pförtnerzimmer am Wilhelmring, und das Medienzentrum am Peter-Brüning-Platz, sagt Andrea Töpfer, die derzeit keine neuen Möglichkeiten sieht. Für Werner und Jutta Köhler sind das schlechte Aussichten. Sie wollen mehr als "Riesendeko fürs Medienzentrum" sein und befürchten: "Freie Künstler werden in Ratingen abgedrängt."
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