Heiligenhaus: Homer-Hörspiel im Museum Abtsküche
VON PAUL KÖHNES - zuletzt aktualisiert: 22.10.2008Düsseldorf (RPO). Homer – keine Frage, der Dichter hat Konjunktur. Nicht erst seit der fulminant-modernen Neuübersetzung durch Raoul Schrott (soeben erschienen). Oder seit dessen Forschungen dazu, woher der geheimnisvolle Dichter stammte, der im achten Jahrhundert vor Christus vom Kampf um Troja und den Irrfahrten des Odysseus schrieb – und mit seiner Ilias und der Odyssee eine Art Urknall der europäischen Literatur schuf. Nicht nur in diesen Hinsichten war es eine gute Idee, das virtuose Hörspielmacher-Duo „Die Klangschürfer“ anlässlich der Festwoche zum hundertjährigen Bestehen der Stadtbücherei erneut einzuladen.
Wer allerdings zwei Stunden leicht eingängige Kulturkost oder einen modisch aufgehübschten Nebenher-Homer erwartet hatte, der dürfte eine solche Erwartung schon nach wenigen Minuten revidiert haben. Denn was der Schauspieler und Rezitator Rainer Rudloff und der Sound-Komponist Martin Daske im Museum an der Abtsküche präsentierten, war eine sehr eigenständige Version der „Odyssee“. Effektvoll, ohne Effekthascherei zu betreiben, ohne den Text zu verdünnen.
Karge Kulisse: Ein Lehnstuhl, ein Mischpult, eine Stehlampe mit drei Punktstrahlern, zwei Lautsprecherboxen. Passt so viel Technik zu der Ur-Abenteuergeschichte? Noch dazu, wenn sie überwiegend in Hexametern vorgetragen wird? Sie passte perfekt, denn die Abstimmung zwischen Daske und Rudloff stimmte an jedem Punkt. „Spontan wie guter Jazz“, so sollen die Klangschürfer-Abende sein, erklärte Rudloff im Anschluss an zwei spannende Stunden im Gespräch mit dem Publikum. Den Text hat er selbst bearbeitet - und zwei Standardwerke der Homer-Überlieferung in deutscher Sprache geschickt kombiniert: Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ - eine Prosafassung also - und die wirkmächtige Hexameter-Übertragung von Johann Heinrich Voss, entstanden Ende des 18. Jahrhunderts.
Daske schafft mit seinen Klängen eine gelungene Mischung aus Vorwegnahme und Untermalung des Erzählten. Die Kapitel von der Blendung des Polyphem und dem Entkommen des Odysseus und seiner Gefährten zwischen Skylla und Charybdis machten die Spannung sinnfällig zwischen Grauen und Entkommen, Angst und Rettung, hoffen und verzweifeln. Kleine Klangscherze inbegriffen: Gelegentlich ist, nur ganz leicht angedeutet, Möwengeschrei zu hören, während die Ruderer auf Odysseus Schiff ihrem Ziel Ithaka näherzukommen versuchen.
Keine Scheu hatten die „Klangschürfer“ davor, Mord und Menschenfresserei, Tod und Vernichtung genau so drastisch-plastisch vor Ohren zu führen, wie es die Originaltexte auch tun. Hier geriet die Hörspielfassung mitunter an Grenzen, weil der ein oder andere kleine Soundeffekt schon seltsam vertraut daher kam - bekannt aus Funk und Fernsehen. Es entstand aber an einer Stelle der Eindruck, es habe sich der Klang-Arrangeur nur irgendwelcher Stanzformen bedient. Homerfans dürfen sich auf die Hörbuchfassung der „Odyssee“ freuen. Die „Klangschürfer“ wollen sie Anfang 2009 auf CD veröffentlichen.
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