Heiligenhaus: Im Dämmerlicht
VON RUTH ORTLINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 29.09.2006Düsseldorf (RPO). Für einen Abend lang verwandelte sich der Club in eine Bar. Vier Künstler ließen die Welt des Dichters Charles Bukowski aufleben.
Dämmriges, phosphoriszierendes Rotlicht, kleine in der gleichen Farbe gedeckte Tische mit feurigem Rebensaft und Kerzenschein verwandelten den Club in eine elegante Bar. Hier entwickelte sich in Wort und Ton eine sinnliche, mal morbide, mal romantische, mal laszive Revue um das uralte und doch ewig junge Spiel von Liebe, Lust und Leidenschaft, um Träume, Visionen, Weltschmerz und Todessehnsucht.
„Bukowski waits for you“ hatte das Künstlerquartett Franziska Hering (Schauspiel), Michael Kiesling (Gesang), Matthias Behrsing (Piano) und Jens Saleh (Kontrabass) angekündigt. Und wer in den Texten des deutschstämmigen Amerikaners, mit seinen drastischen Wortkaskaden eine frivole Gratwanderung vermutete, erlebte ein faszinierendes künstlerisches Szenario das nie vom Absturz bedroht war. Hier verwoben Texte und Musik zu lyrischen oder schreienden Klangteppichen, erzählten von durchzechten Nächten, Psychopathen und den alles beherrschenden menschlichen Trieben. Schon vor Beginn bewegte sich unter den Gästen eine langbeinige gestylte junge Frau: in Minikleid, schwarzen Strümpfen und rot lackierten Schuhen. Und inmitten des Publikums und an der Bar agierte sie später fesselnd und in überzeugender Gestik als Freudenmädchen, Muse, Schlampe, Seelentrösterin oder Kindfrau in einer Person. In drastischen, satirischen und sarkastischen Aussagen von Bukowsky, Burroughs und Brecht beschimpfte die Protagonistin emotionsgeladen und belächelnd die von ihr verachteten und doch so geliebten Männer und deren Triebe mit ihren Ängsten und Freuden.
Seelenverwandte
Der Musiker Tom Waits und der Autor Charles Bukowski teilen eine melancholische Wesensverwandtschaft. Beide lernten die Schattenseiten des Lebens kennen, lebten zeitweilig im Rausch von Alkohol und Zigaretten, in leidenschaftlichen Liebesabenteuern.
Sie fanden Halt in der künstlerischen Umsetzung ihrer Erlebnisse.
In einem ständigen Dialog mit der von der Natur bevorzugten und vom Leben gebeutelten jungen Frau antwortete Sänger Michael Kiessling vor allem mit den oszillierenden Songs des genialen Tom Waits, aber auch denen von Cave, Cohen, Knef und Lindenberg. Nichts hätte zu diesen Emotionen zwischen Lebenssehnsucht und Lebensgier so authentisch gepasst wie diese elegischen Gebärden und diese raue Sandpapierstimme in tiefen und hohen Frequenzen torkelnd, gefühlvoll sanft hauchend und in emotionaler Intensität schreiend, wie die von Kiesling. Dazu ein unter die Haut gehender Soundtreck: Matthias Behrsing webte jazzige, rockige, balladeske und bluesige Klangteppiche am Piano und am Kontrabass zupfte und streichelte Jens Saleh mal rhythmisch hart, mal romantisch zart die Saiten.
Eine Bar-Revue im lebens- und liebestollen Strudel der Leidenschaften, schonungslos offen, aber kunstvoll inszeniert mit der Erkenntnis: auf das „Wie“ kommt es an.
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