Ratingen: Jugend gegen das Vergessen
VON BASTIAN FLEERMANN - zuletzt aktualisiert: 11.11.2006Düsseldorf (RPO). Schüler, Stadt und die jüdische Gemeinde gestalteten den Gedenktag zur Reichspogromnacht 1938. Im voll besetzten Lesecafé blickten alle Beteiligten gemeinsam zurück und in die Zukunft.
„Es muss das Geschichtsbuch auch an dieser empfindlichen Stelle immer wieder von uns aufgeschlagen werden“, sagte Herbert Rubinstein. Seit vielen Jahren kommt der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein am 9. November, dem Tag der Pogromnacht 1938, ins Ratinger Medienzentrum, um die städtische Gedenkstunde gemeinsam mit den Bürgern und Honoratioren zu begehen.
Bürgermeister Harald Birkenkamp befand: „Wir blicken heute nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft.“ Er erinnerte an die plötzliche Zerstörung einer „jahrhundertealten Koexistenz“ von Juden und Christen in der Stadt. Auch Vadym Fridman, der Vorsitzende des jüdischen Kulturvereins „Schalom“, erinnerte an die Geschichte, aber auch an die Gegenwart, in der es der rechtsextremen NPD gelinge, vermehrt in die Parlamente einzuziehen.
Die Ausführenden
Martin Arning, Andrii Khortiuk und Maren Thore (Musikschule).
Alina Huerkamp, Jasmin Killat, Paula Majrowski, Jean Müßgens, Katia Pecoraro, Martin Pfister und Bianca Büttgen (Käthe-Kollwitz-Schule).
Yvonne Runte (Stadtarchiv).
Dafür dass diese traditionelle Gedenkveranstaltung, die bereits seit 1959 begangen wird, nicht zur Routine erstarrt, sorgt immer wieder auch die Beteiligung des Stadtarchivs. Ein vielseitiges Programm, vor allem von jungen Menschen, gestaltete ein würdevolles Erinnern im überfüllten Lesecafé. Archivleiterin Dr. Erika Münster-Schröer hatte die Gesamtorganisation übernommen. Neben musikalischer Begleitung durch Schüler der städtischen Musikschule (Johann Sebastian Bach und Camille Saint-Saens), gestalteten vor allem die Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule das Programm. Sie führten einen Ausschnitt aus dem Drama „Andorra“ des schweizerischen Dichters Max Frisch auf, eine Passage, die sich intensiv mit den Phänomenen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auseinandersetzt. Zuvor hatte Yvonne Runte, derzeit Auszubildende im Stadtarchiv, aus einem eindringlichen Zeitzeugenbericht vorgetragen, der die Situation am 9. November 1938 aus Sicht der bedrängten Jüdin Judith Braunthal aus dem Ruhrgebiet schildert. Nach der Veranstaltung wurden Ehrenkränze der Stadt und der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf auf dem ehemaligen Judenfriedhof an der Werdener Straße niedergelegt, der in der Nazizeit geschändet und zertrümmert wurde.
Der Düsseldorfer Rabbiner Wladislav Kaplan sprach gemeinsam mit den Mitgliedern des jüdischen Kulturvereins in Ratingen, die zahlreich erschienen waren, das traditionelle Totengebet, den „Kaddisch“. Zu den weiteren Gästen zählten Bürgermeisterin Margret Paprotta (CDU) und Dezernent Dirk Tratzig (SPD), Feuerwehrchef Ralf-Jörg Hohloch und Franz Naber vom Amt für Integration, Manfred Buer vom Lintorfer Heimatverein sowie zahlreiche Vertreter des Rates.
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