Lintorf: Kranke verletzen sich selbst
VON REGINA HARTLEB - zuletzt aktualisiert: 24.10.2007Düsseldorf (RPO). Hinter nicht kontrollierbaren Stimmungsschwankungen kann eine ernsthafte Erkrankung stecken: das Borderline-Syndrom. Das Fliedner-Krankenhaus bietet neue und anerkannte Therapieansätze.
Klare Diagnose
Die Diagnose einer Borderline-Erkrankung ist für den Facharzt klar zu stellen. Es gibt dazu einen Katalog von neun Kriterien. Die Selbstverletzung ist kein zwingendes Symptom einer Borderline-Erkrankung. Die Krankenkassen bezahlen die Therapie einer Borderline-Erkrankung.
Kontakt und Info: Fliedner Krankenhaus, Thunesweg 58, Ratingen Lintorf, Dr. Antje Möhlig, Tel. 02102/303-305.
Gelegentliche Stimmungsschwankungen kennt jeder. Bei manchen Menschen steckt mehr dahinter als eine emotionale Unausgeglichenheit: Sie leiden unter einer krankhaften Persönlichkeitsstörung, die Mediziner mit dem Begriff Borderline-Erkrankung bezeichnen. Im Fliedner Krankenhaus gibt es nun eine neuartige Therapieform zur Behandlung für diese Krankheit, die rund 1,5 Prozent der Bevölkerung betrifft.
„Es handelt sich um ein schreckliches Krankheitsbild“, sagt Dr. Michael Schifferdecker, Leiter der Ärztlichen Klinik im Fliedner Krankenhaus. Nicht zuletzt deshalb, weil die Erkrankten sich oft massiv selbst verletzen: Sie ritzen sich die Arme auf oder drücken Zigarettenstummel auf der Haut aus.
„Für sie ist dies häufig der einzige Weg, um ihre massiven inneren Spannungszustände abzubauen“, erklärt Oberärztin Dr. Antje Möhlig, Am häufigsten betroffen sind junge Erwachsene. Oft reicht ein minimaler Anlass aus, um sie in Gefühlsausbrüche zu versetzten. Möhlig: „Die meisten können diesen emotionalen Zustand gar nicht in Worte fassen. Sie sehen dann als Ausweg nur noch eine Extremhandlung.“
Körperliche und sexuelle Gewalt
Die Ursachen für dieses vielschichtige Krankheitsbild, das häufig mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Sucht einhergeht, sind in verschiedenen Ebenen zu suchen. „Es gibt sowohl eine genetische Veranlagung, aber auch psychosoziale Faktoren“, so die Ärztin. Viele der Betroffenen hätten körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.
Im Fliedner Krankenhaus setzt man nun ein Verfahren zur Therapie der Borderline-Erkrankung ein: Durch eine Kombination von Techniken der Verhaltenstherapie, Meditation und Tiefenpsychologie werden den Betroffenen Fertigkeiten vermittelt, die ihnen helfen sollen, die Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und die Spannung kontrolliert abzubauen. Dies kann in ambulanter, teilstationärer oder stationärer Therapie geschehen.
Ziele sind die Verbesserung der eigenen Selbstwahrnehmung und der Achtsamkeit für sich selbst, die Erhöhung der Spannungs- und Frustrationstoleranz sowie die Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungsfähigkeit.
„Eine Heilung im klassischen Sinne gibt es nicht“, sagt Dr. Schifferdecker, „denn es handelt sich ja um eine massive Störung des eigenen Ichs, der Persönlichkeit.“ Mit erfolgreicher Therapie aber – sie dauert in der Regel rund anderthalb Jahre – und zunehmenden Alter lernten die meisten Betroffenen, mit ihren Schwankungen zu leben. „Ein Teil der Therapie ist das Zusammenstellen eines Notfallkoffers“, so Oberärztin Möhlig. „Hier findet der Patient den Reiz, der ihm im Falle eines Gefühlsausbruchs am besten hilft: Der eine kaut Chilischoten oder Brausetabletten, der andere nimmt einen Gummiball mit Stacheln in die Hände.“
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