Ratingen: Lesekultur aus Leidenschaft
VON BASTIAN FLEERMANN - zuletzt aktualisiert: 19.05.2007Düsseldorf (RPO). Morgen feiert der Autorenkreis runden Geburtstag im „Lux“. Der Verein blickt zurück auf unzählige Aktionen und große Pläne. Er bleibt ein fester Bestandteil des Ratinger Kulturlebens.
Es ist ganz ruhig auf der Terrasse von Barbara Ming. Nur der Wind rauscht durch das Gebüsch. Die Schriftstellerin braucht keine Papiere oder Unterlagen, wenn sie vom Literaturkreis ERA, dessen Vorsitzende sie seit 1999 ist, berichtet. Sie hat alles im Kopf: die unzähligen Veranstaltungen, die Höhepunkte der vergangenen Jahre und die großen Pläne für die Zukunft.
22 Jahre ist es nun her, dass sich der Literaturkreis mit anfangs acht Gründungsmitgliedern aus ERkrath und RAtingen (so entstand der Name ERA) zusammenfand. Vor genau 20 Jahren erfolgte der Eintrag ins Vereinsregister. Ruth-Marion Flemming war mit dabei und der Ratinger Autor Erwin Wuillemet, die beide dem Verein bis heute treu geblieben sind. „Dann ist die Gruppe ganz schnell gewachsen“, erinnert sich Ming. Heute gibt es 27 Autoren, nicht mehr nur allein aus den namensgebenden Städten. „Wir haben Mitglieder in Wuppertal, Köln, Düsseldorf und sogar in Heidelberg.“
Anthologien
Zwischen der Gründung im Jahre 1987 und 1997 gab es jährlich die Hefte „Federlese“. Zum zehnjährigen Bestehen erschien die Sammlung „Federmohn“. Es folgten „Wortpartner“ (2001), in der 56 Autoren ihre Werke in sieben Sprachen veröffentlichten, „WorTräume“ (2002), „Wortgewand(t)“ (2004) und schließlich „Wortissimo“ im Jahre 2006. Für den Herbst 2008 ist eine Anthologie mit dem Titel „Salto Wortale“ geplant. Hinzu kommen Einzelveröffentlichungen (Romane, Lyrik, Kurzgeschichten und Reisebeschreibungen) der 27 ERA-Mitglieder.
Zweimal im Monat treffen sich die Schriftsteller, um sich über den neuesten Stand zu informieren: Der eine arbeitet gerade an einem Roman, die andere brütet über einem Lyrikband. „Der Austausch ist uns sehr wichtig“, sagt die Vorsitzende. „Es geht bei uns immer darum, mit Sprache zu tun zu haben. Wir schauen sehr oft über den Tellerrand hinaus, so entsteht ein riesiges Netzwerk.“ Nicht verwunderlich also, dass ERA auch mit bildenden Künstlern und Musikern im engen Kontakt steht. „Die ERA“, wie Barbara Ming den Verein liebevoll nennt, ist vor allem für sie und ihren Mann, Dr. Ulrich Scharfenorth, zu einer Lebensaufgabe geworden. 68 Veranstaltungen gab es alleine im Jahr 2006, fast mehrfach wöchentlich gibt es Lesungen, Präsentationen, Kunst und Musik. Und immer geht es den ERA-Autoren um Dialog und Vermittlung von Literatur in einer Zeit, die arm an guter Literatur geworden zu sein scheint.
„Die Frage nach dem Sinn stellen wir uns gar nicht“, berichtet Ming. „Wir spüren die Notwendigkeit unserer Arbeit einfach ständig in Kopf und Bauch. Die Lesekultur nimmt ab, und so wird das Angebot der Literatur immer dringlicher.“ Der Verein arbeite, so Ming, „ständig gegenströmig“. Belohnt werden die Aktiven durch begeisterte Zuhörer und Interessierte: Innerhalb eines Monats surften 2600 Besucher auf den Internetseiten des Vereins.
Wer die ERA-Mitglieder aber für reine Hobbydichter oder Amateur-Autoren hält, ist falsch gewickelt. Viele Vereinsfreunde betreiben die Schreibkunst mit hohem professionellen Anspruch, mit viel Zeit und Energie – und oftmals mit ansehnlichem Erfolg. Nicht selten bekommen sie Literaturpreise, Ehrungen oder verkaufen ihre Bücher und Hörbücher in hohen Auflagen.
„In Ratingen fühlen wir uns sehr wohl“, sagt Ming, die 2003 den Frauenliteraturpreis der Stadt verliehen bekam. Und deswegen ist die ERA aus dem Ratinger Kulturspektrum nicht mehr wegzudenken. Die Protagonisten, darunter Gisela Schöttler, Helga Engelhard, Renate Buddensiek oder Uta Asher, sind daueraktiv: Literaturkneipe monatlich, Lesungen im Ratinger Klosterhof, Ausstellungen, unkonventionelle Performances, Literatur und ihre Vermittlung überall. Im Gespräch mit der RP wird die Vorsitzende gefragt, woher sie die Kraft nehme; und wie lange sie sich eine solche Arbeit überhaupt noch vorstellen könne. Barbara Ming lacht laut und herzlich: „Wir machen das so lange, bis uns die Luft ausgeht. Und das kann noch ein Weilchen dauern.“
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum