Heiligenhaus: Lessing in zwei Welten
VON DANIELA V. DELLINGSHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 23.05.2007Düsseldorf (RPO). Der Literaturkurs 12 der Gesamtschule inszenierte das bürgerliche Trauerspiel „Emilia Galotti“ als Talkshow – nebst Parallelbühne. Daran hatten Darsteller und Publikum gemeinsam Spaß.
Zwei Welten prallten aufeinander, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Der Literaturkurs der Jahrgangsstufe 12 der Gesamtschule führte über eine Stunde lang „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing auf – als moderne Talkshow. Der Name der 20-jährigen Schülerin Miriam Vinchi, die die Gesprächsgastgeberin spielte, diente als Vorlage für den Titel der fiktiven Sendung: „Miriammittag“.
Wie man es schafft, ein eher „trockenes, aber anspruchsvolles Stück Literatur“, so Kursleiterin Antje Häusler, auf das Niveau einer solchen Sendung herunterzubringen, zeigten die Schüler auf beeindruckende Weise.
Perspektiven
Die Gesamtschule Heiligenhaus an der Hülsbecker Straße bietet den Schülern ein ganzes Jahr lang, während der 12. Jahrgangsstufe, die Möglichkeit, an einem Literaturkurs teilzunehmen.
Zum Inhalt des Lessing-Werkes: Ein bürgerliches Trauerspiel und Drama der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert, welches neben dem Konflikt zwischen Adel und Bürgertum auch die Kritik an der Käuflichkeit durch Macht beinhaltet. Der Prinz von Guastalla ist besessen von der Idee, die bürgerliche Emilia Galotti zu seiner Geliebten zu machen. Diese steht kurz vor der Hochzeit mit einem Grafen.
Daher gibt der Prinz seinem Kammerherrn freie Hand, diesen umzubringen. Nach der Tat befindet sich Emilia auf des Prinzen „Lustschloss“, fürchtet, den Verführungen des Grafen nicht gewachsen zu sein und beschließt letztendlich, dass es besser sei, vom eigenen Vater getötet zu werden. Bei „Miriammittag“ kamen sie nun alle zu Wort – und das vor laut applaudierendem Publikum. Nacheinander gaben sie Erklärungen dazu, wie sich die ganze Geschichte um Emilia „in Wahrheit“ verhalten hatte.
Gezeigt wurde eine provokante, triebhafte Emilia, des Materialistischen so gar nicht abgeneigt. Dazu ein Prinz, der Kaugummi kauend und im Jogginganzug Probleme mit der richtigen Artikulation der deutschen Sprache hatte. Ein Vater der Braut, der nichts zu sagen hat, sich dafür lieber um den Hochzeitsbraten kümmerte und eine Mutter, die ihr berechnendes Wesen offensichtlich an ihre Tochter Emilia weitervererbt hatte.
Provokant nahmen sie nun alle Stellung zu den „wahren“ Begebenheiten um das Schicksal der Emilia. Um das auf dem Sofa Gesagte in anschauliche, gespielte Szenen zu verwandeln, hatten die Schauspieler eine kleine, parallele Bühne aufgebaut. Somit gab es einen ständigen Szenenwechsel zwischen Talkshow-Runde und Parallelbühne, inklusive selbst gedrehter Werbefilme.
Mit dieser Antithese fand Lessings Werk eine neuartige Umsetzung durch die Schüler des Literaturkurses, deren Spaß bei der Darbietung leicht zu erkennen war. „Das zweite Halbjahr war gekennzeichnet durch die Umsetzung des Werkes, welches, so Häusler, Thema auch im Zentralabitur sein werde. Der 18-jährige Andreas Richter, der den Prinzen darstellte, befand am Schluss: „Die Absurdität deutscher Talkshows auf diese Weise auf die Spitze zu treiben.“ Das Publikum hatte Spaß beim Zuschauen.
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