Ratingen: Nachts im Museum
VON GISELA SCHÖTTLER - zuletzt aktualisiert: 04.09.2006Düsseldorf (RPO). Es war eine Nacht zum Flanieren. Pünktlich mit Septemberbeginn war der Sommer zurückgekehrt und schuf für die erste Museumsnacht im Neanderland die Atmosphäre, die Funken überspringen lässt. Am meisten profitierte in Ratingen davon das Rheinische Industriemuseum. Vor dem Cromforder Herrenhaus perlte der Sekt, dufteten die Spanferkel, und Anna Christine Brügelmann, wie eben aus einem Gemälde entstiegen, komplettierte mit den eintreffenden Besuchern die Gästeliste zum 50. Geburtstag des Firmengründers.
In allen drei Ratinger Museen hatten sich die Mitarbeiterteams ins Zeug gelegt, um die Besonderheiten ihrer Häuser ins beste Licht zu rücken. Die einzige Panne lieferte das Shuttlebus-Unternehmen mit teils ortsunkundigen Fahrern, die in der ersten Abendhälfte ein Besucherloch bescherten.
Das umfangreichste Programm hatte sich das Oberschlesische Landesmuseum in Hösel ausgedacht. Dr. Susanne Peters-Schildgen und Fabiola Hugenbruch-Weuthen ließen in zwei Vorabendstunden zu Musik von Mozart und Tschaikowsky die Puppen tanzen. Mit Hingabe formte eine fast 20-köpfige Kinderschar aus Draht, Schaumstoff und Styroporkugeln mit Perl- und Federdekor biegsame Figuren mit Pfiff. Eine gleich große Gruppe Erwachsener nahm sich dann die Zeit, der Bühnenfassung des Janosch-Romans „Cholonek oder der Liebe Gott aus Lehm“ zu lauschen. Silvia Bervingas und Jürgen Wönne vom Resonanztheater Saarbrücken hatten die drastisch-satirische Heimatgeschichte des weltberühmten Kinderbuchautors zu seinem 75. Geburtstag in schönstem Realismus in Szene gesetzt. Was hätte inmitten der Fotoausstellung aus dem Oberschlesischen Industriegebiet den Vorkriegsalltag in dieser Region treffender lebendig werden lassen?
Silvia Bervingas, ausgezehrte, mit Himmel und Hölle vertraute Dorftratsche, breitete Familiengeschehen aus, dass es unter die Haut ging. Schonungslos und dennoch mit Charme wurde fast jedes Tabu verletzt. Derweil feierten in Cromford Besucher aus nah und fern mit Dr. Eckhard Bolenz und Claudia Gottfried das zehnjährige Bestehen des Museums. Event-Manager Martin Schmidt empfing Stunde für Stunde in blumenbestickter Seidenjacke als Tuchfabrikant Johann Arnold von Clairmond mit Grazie im Gartensaal seines Konkurrenten Gäste, während Hausmeister Ralf Kluszka in der Spinnerei als Fabrikmeister Gisicus allmählich in doppeltem Sinn am Rad drehte. Ein Abend, der zwar nicht Massen in Bewegung setzte, aber die Mühe gelohnt hat.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum