Ratingen: Vom "Spätzchen" zum Domspatz
VON JULIA HAGENACKER - zuletzt aktualisiert: 27.02.2009Düsseldorf (RPO). Seit Anfang des Jahres singt Cedric Stußig im wohl berühmtesten Knabenchor der Welt – bei den Regensburger Domspatzen. Seine Heimat Ratingen musste der Zehnjährige dafür verlassen. Seine zweites Zuhause ist jetzt das Chor-Internat. Dort fühlt sich der Fünftklässler absolut wohl.
Der Bruder des Papstes
1976 feierten die Domspatzen ihr 1000-jähriges Bestehen.
1964 übernahm Georg Ratzinger, älterer Bruder von Joseph Alois Ratzinger – Papst Benedikt XVI. – die Leitung des Chors.
Nach 30 jahren legte er sein Amt als Leiter des wohl berühmtesten und ältesten Knabenchors der Welt nieder. Sein Nachfolger wurde Roland Büchner.
Am Sonntag wird Cedric Stußig seinen Koffer packen. Ganz oben drauf auf die Hosen, Pullis und Socken soll dann ein Foto von Papa Normann, Mama Heidi und seinen drei Schwestern Kathleen (12), Tessa (8) und Greta Josephine (2) kommen. Das Bild will der Fünftklässler nach den Faschingsferien ins Regal in seinem Vier-Bett-Internatszimmer in Regensburg stellen – damit er seine Familie immer ganz nah bei sich hat, 550 Kilometer weit von zu Hause entfernt.
Cedric Stußig ist erst zehn. Vor wenigen Wochen hat er viel von dem zurückgelassen, was Jungen in seinem Alter normalerweise wichtig ist: sein eigenes Zimmer, einen Großteil seiner Spielsachen, das Klavier im Wohnzimmer, eine Familie, die ihn lieb hat. Die Entscheidung zu gehen, hat der Hobby-Fußballer mit dem frechen, braunen Stoppelhaarschnitt trotzdem ganz bewusst getroffen, denn seit Anfang des Jahres singt Cedric Stußig aus Ratingen in einem der berühmtesten Knabenchöre der Welt: den Regensburger Domspatzen.
Im choreigenen katholischen Internat besucht er derzeit die fünfte Klasse, gemeinsam mit anderen Jungs aus ganz Deutschland, aus Österreich und aus der Schweiz. Zwischen zehn und 20 Jahre alt sind die Domspatzen, und was sie beim gemeinsamen Singen und Leben lernen, ist vor allem eines – Zusammenhalt. Für Cedric war das unheimlich wichtig: Zu wissen, dass er in der Gemeinschaft gut aufgenommen wird. "Das Beste an der neuen Schule", sagt er, "ist, dass ich dort viele Freunde gefunden habe." In Ratingen, an seiner alten Schule, war das ganz und gar nicht so. Dort wurde Cedric von seinen Mitschülern gemobbt.
"Wir haben verzweifelt versucht eine andere Schule für ihn zu finden, aber das war nicht leicht, die fünften Klassen an den Gymnasien im Umkreis waren alle voll", erzählt Heidi Stußig. Werner Schürmann, Leiter des Ratinger Kinder- und Jugendchors, jenes Nachwuchs-Chors also, in dem Cedric bis vor kurzem noch bei den "Ratingen Spätzchen" sang, machte die Familie schließlich auf das Internat der Regensburger Domspatzen aufmerksam. Am 22. Dezember fuhr Cedric gemeinsam mit seinen Eltern nach Bayern, schaute sich die Schule an und absolvierte eine Aufnahmeprüfung in den Fächern Deutsch, Mathematik und Musik.
"Wir wurden von Zwölftklässlern über das Gelände geführt und es herrschte von Anfang an eine sehr angenehme Atmosphäre", sagt Heidi Stußig. "Wenn Cedric gesagt hätte: ,Hier gefällt es mir nicht', wären wir sofort wieder gefahren. Aber er hat sich diese Schule selber ausgesucht."
420 Euro pro Monat
Um 6.45 Uhr werden die Schüler des Chor-Internats von Präfekten (Erziehern) geweckt. Zweimal am Tag stehen Chorproben an. Es gibt eine Turnhalle, ein Schwimmbad, einen Kicker-, einen Computer-, einen Fernseh- und einen Meditationsraum. Die Kosten für das Internat betragen 420 Euro pro Monat. Dafür wirbt die Schule mit einem Bildungs-Modell, das neben dem musikalischen Talent den ganzen Menschen fördert: Sicherheit im Auftreten und gesundes Selbstbewusstsein seien Eigenschaften, die den Domspatzen auf den Lebensweg mitgegeben würden, heißt es auf der Domspatzen-Internetseite.
Heidi Stußig kann das bestätigen. "Die Kinder werden dort ganz schnell selbstständig", sagt sie. Am Sonntag wird Cedric zurück nach Regensburg fahren. Das Heimweh der ersten Tage ist schon lange verflogen. Auf die Zeit im Internat freut sich der Zehnjährige schon. Ein Grund wird die zwar christliche, aber keineswegs konservative Erziehung in der Schule sein. Domspatzen, heißt es nämlich, dürften das bleiben, was sie sind: heranwachsende Jungen mit viel Freude an der Musik.
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