Ratingen: Wachs in seiner Hand
VON CHRISTIANE DRESSLER - zuletzt aktualisiert: 22.03.2011Düsseldorf (RPO). 50 Arbeiten des israelischen Bildhauers Gil Shachar, Plastiken aus Harz und Wachs und Zeichnungen, sind seit Sonntag im Rahmen der Jüdischen Kulturtage im Stadtmuseum zu sehen. Eine leise, reflexive Schau über Wahrheit und Täuschung.
Die Geschichte der Skulptur ist die des menschlichen Körpers und seiner perfekten Abbildung, wie es schon der Mythos von Pygmalion erzählt. Der geniale Bildhauer war von der Schönheit einer seiner Elfenbeinstatuen so fasziniert, dass er sich unsterblich in sie verliebte. Aphrodite erhörte sein Flehen, erweckte das Kunstobjekt zum Leben – und Pygmalion heiratete die selbst geschaffene Frau.
"Alles, was ich in meiner Kunst tue, hat mit dem Körper zu tun. Meine Plastiken wollen Körper, wie ein Körper sein." So beschreibt der in Duisburg lebende Gil Shachar seine Arbeiten, die mehr sind als herkömmliche Plastiken – nämlich hyperreale, illusionistisch bemalte Objekte, die wirken, als wollten sie jeden Moment ins Leben treten. Mit dem griechischen Mythos haben sie nicht etwa das weibliche Schönheitsideal gemein, sondern die innere Beseelung und ein aufwändiges plastisches Verfahren, welches, mit den Mitteln der Moderne, menschliche Ebenbilder nach des Bildhauers Vorstellung gießt. Sie treiben ein perfektes Spiel mit Illusion und Täuschung und widersetzen sich vehement jedem Berührungsversuch.
Eine Aura mysteriöser Verschlossenheit, der Stille, des Rückzugs geht von den ausschließlich männlichen Physiognomien aus. Regungslos, mit geschlossenen Augen, verweigern sie vorschnelle Kommunikation. Auf einem Sockel sind sie vom Betrachter isoliert und verweisen ihn in die Schranken der eigenen Vorstellungswelt. Doch sie lassen uns nicht los. Man möchte die Objekte berühren, weil sie so lebensecht, so stofflich, so unnahbar sind, weil man in sie hinein und durch sie hindurchschauen möchte, um zu erfahren, wie und woraus sie aufgebaut sind.
Berührt man sie, obwohl es unerwünscht ist, weil sie zu empfindlich sind, entdeckt man mehr. Aus fragilen Hüllen, hauchdünn gegossen aus Epoxydharz und Wachs, enthalten sie Hohlräume, die voller Überraschungen sind. Ein ausgehöhlter Kopf birgt einen Blumenkohl, ein anderer ein Ohr, ein Kopf ruht zwischen Steinen, ein anderer in abgestorbenem Geäst, der nächste ist mit Pinseln gespickt oder ragt aus ihnen wie auf einem Scheiterhaufen empor.
In Kabinetten intim präsentiert, unterliegt die Anordnung der Objekte keiner chronologischen, sondern motivisch konzentrierender Anordnung. Bezüge leiten sich aus den Ideenskizzen her und den Blickachsen des Ausstellungsraums. Steine als Motiv kultischer Handlung, organische Vorstellungen von Wachstum werden betont und immer wieder malerische Utensilien. Wie wichtig sie dem Künstler sind, zeigen minutiös aufgemalte Härchen auf dem stoppelig kahlen Schädel der Protagonisten. Sammler, Freunde, jedes Modell muss Haare für den Künstler lassen, ansonsten wären die Arbeiten zu individuell festgelegt. Sinnbilder, zeitlose Ideen, vieldeutig, jedoch nicht beliebig sollen sie sein.
Ein Werk ist zu entdecken, wie es der Kunstbetrieb häufiger vertragen könnte: ohne modischen Mainstream, sparsam, doch präzise in der künstlerischen Darstellungsform. Und der Inhalt? Bei allem Ernst verliert der Künstler nicht den Humor, kein didaktischer Zeigefinger ist auf den Betrachter gerichtet. Das braucht es auch nicht, wenn der Inhalt stimmt.
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