Ratingen: West – ein Stück Frankreich
VON REGINA HARTLEB - zuletzt aktualisiert: 10.04.2007Düsseldorf (RPO). Raffael Beier (17) hat das Leben einer Pariser Vorstadt mit der Situation in Ratingen West analysiert. Das Ergebnis: Es gibt viele Unterschiede, aber auch Parallelen.
west Die Bilder gingen vor anderthalb Jahren um die Welt: Nacht für Nacht brannten Autos und Busse in französischen Vorstädten, den so genannten Banlieus. Jugendliche randalierten in Schulen, auf der Straße und in öffentlichen Gebäuden. Geschätzter Sachschaden: rund 250 Millionen Euro. Bilder, die auch Raffael Beier beschäftigten, der selbst Freunde in der Nähe von Paris hat. Der 17-jährige Schüler des Gymnasiums Düsseldorf Gerresheim beschloss, über die Problematik seine Facharbeit in Erdkunde zu schreiben. „Ich habe mich einfach gefragt, ob so etwas wie in Frankreich auch hier in Deutschland passieren kann“, erzählt er seine Beweggründe.
Als deutsches Gegenstück zur französischen Vorstadt, dem Banlieu Le Blanc Mesnil bei Paris, wählte er Ratingen West. Warum? „Weil ich durch meine Tätigkeit als Fußball-Schiedsrichter hier öfters bin und einige Leute kenne, die hier wohnen“, erzählt Beier. Dabei habe er schnell bemerkt, dass es gewisse Parallelen zu den Banlieus gebe. „Außerdem habe ich viele Vorurteile über Ratingen West gehört – die gleichen, die auch über die französischen Vorstädte kuriseren.“
So hat der Schüler sich Anfang des Jahres für sechs Wochen mit beiden Lebensräumen auseinander gesetzt. Entstehung, Entwicklung aber auch geographische, wirtschaftliche und soziale Aspekte hat Raffael untersucht. Informationen beschaffte er sich durch Besuche vor Ort, er las Zeitungen, stöberte im statistischen Jahrbuch Ratingens und im erst kürzlich erschienenen Buch „Go West“.
Das Ergebnis ist eine 17 Seiten starke Analyse: Zunächst hat der Schüler deutliche Unterschiede zwischen Le Blanc Mesnil und Ratingen West ausgemacht: „In Ratingen West sind die Hochhäuser zwar noch höher als in Frankreich. Aber alles ist wesentlich gepflegter als Le Blanc Mesnil, das fällt sofort auf. Die Bewohner leben gerne hier in ihrem Stadtteil. Vorurteile haben eher die Ortsfremden“, weiß Beier und zeigt Fotos heruntergekommener Straßenzüge und Gebäude, die er bei Besuchen in Frankreich aufgenommen hat. Auch sei die riesige Fläche der Pariser Banlieus mit einer entsprechen Ballung sozialer Brennpunkte in der Düsseldorfer Umgebung nicht festzustellen.
Aber Beier hat auch einige Paralellen entdeckt, vor allem im sozialwirtschaftlichen Bereich: „In den Banlieus wie auch in West leben Menschen vieler Nationalitäten, und es gibt einen hohen Anteil an Arbeitslosen und Unqualifizierten. Viele haben das Gefühl der Chancen- und Perspektivlosigkeit.“ Im Unterschied zu Frankreich habe man in West allerdings längst nachhaltige Maßnahmen zur Integration gestartet – „Sprachkurse, Suchtprävention, Bildung oder Treffpunkte – all dies gibt es hier.“
In den Banlieus laufen solche Projekte gerade erst an. Dort fühlten sich die Bewohner vielfach nicht ernst genommen und ausgegrenzt. Auch agiere die französische Polizei wesentlich aggressiver als hierzulande. Beier: „Dort stürmen die Beamten in Militäruniformen aus den Autos und behandeln Leute bei geringsten Vergehen wie Verbrecher.“ Auch das sei hier anders. „Polizeipräsenz ist wichtig, aber sie sollte eher als Ansprechpartner auftreten, als Freund und Helfer eben.“
Beiers Fazit ist ebenso differenziert wie seine Arbeit: In naher Zukunft sieht er keine Gefahr für Revolten wie in Frankreich. „Aber man weiß nicht, was mit dem Stadtteil passiert, wenn das Land die Wohnungsgesellschaft LEG verkauft. Wenn die falschen Investoren kommen, denen das Wohl der Bewohner weniger am Herzen liegt, dann kann es auch hier schnell bergab gehen.“
Eine Facharbeit, die beeindruckt – Note „eins plus“ gab’s dafür.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum