Ratingen: Zurück auf die Schulbank
VON REGINA HARTLEB - zuletzt aktualisiert: 11.11.2006Düsseldorf (RPO). 200 Jahre nach ihrer Einweihung hat die frühere Mauerschule nun eine Gedenktafel bekommen. Der ehemalige Schüler Siegfried Zirr hat die Schulgeschichte aufgearbeitet.
Nach fast 20 Jahren ist Siegfried Zirr zufrieden: Dort, wo er als Junge in den Fünfziger Jahren die Schulbank drückte, erinnert nun endlich eine Gedenktafel an das ehemalige Schulgebäude im Schwarzbachtal: die Mauerschule, benannt nach ihrem Standort am Mauerweg. Das ist sein Verdienst.
„Die Idee dazu kam mir eines Tages bei einem Spaziergang in Heiligenhaus“, sagt der 62-Jährige. „Dort fiel mir an einem Haus ein Schild auf, das eine frühere Volksschule kennzeichnete. Da habe ich mir gedacht, so etwas müsste doch auch für meine alte Schule möglich sein.“
Acht Jahre lang, von 1950 bis 1958, drückte Zirr am Mauerweg die Schulbank. Die Geschichte des 200 Jahre alten Gebäudes herauszufinden, hat ihn mehr als die doppelte Zeit gekostet. „Das größte Problem war, an eine Schulchronik zu kommen.“ Denn 1968 wurde die Mauerschule geschlossen. In mühevoller Suche gelang es ihm schließlich, einen stattlichen Ordner zusammenzustellen, der die Historie der Schule recht detailliert dokumentiert.
Dass Siegfried Zirr überhaupt fündig wurde, verdankt er den Aufzeichnungen des späteren Hauptlehrers Helmut Entrop. Der vermisste bei seinem Dienstantritt 1947 eine Schulchronik und arbeitete nach Berichten der Bevölkerung und mit Hilfe alter Dokumente nachträglich die Schulgeschichte auf.
Die beginnt nach Entrops Recherchen im Jahr 1810 mit der Einweihung der Schule. Vier Jahre zuvor, also vor genau 200 Jahren, hatte die französische Regierung die Eröffnung einer Honschaftsschule, die „Schule an der Mauren“ (später Mauer) in Schwarzbach genehmigt. Bis das Schulgebäude eingeweiht wurde, fand der Unterricht in umliegenden Gehöften statt. Der erste Lehrer war Peter Johann König. Dessen Enkel, Adam König, schenkte der Schule 1890 ein Porträt des ersten Lehrers, zur Erinnerung an die „vor 80 Jahren vollzogene Einweihung“ der Schule.
Die Mauerschule war für das damalige Schulwesen von besonderer Bedeutung, denn sie war die erste und für lange Zeit die einzige Gemeinschaftsschule im Umkreis. Die Kinder der Klassen eins bis acht wurden gemeinsam in einem Klassenraum unterrichtet.
Dass die Zeiten im 19. Jahrhundert alles andere als rosig waren, dokumentieren Entrops Niederschriften deutlich. In einem Schreiben des Bürgermeisters an den „wohllöblichen Schulvorstand“ wird „auf die Tatsache hingewiesen, daß mancher Lehrer mit verstärkenden Nahrungsfragen zu kämpfen habe. Es wird darum gebeten, daß die Gemeinderäte den Fall ihres Lehrers überprüfen und gebenenfalls eine Unterstützung gewähren möchten“.
Ihre finanzielle Lage durch den Verkauf von Schulbüchern und Schreibmaterialien zu verbessern, war den Lehrern allerdings per Verordnung verboten.
Rund 100 Jahre später, die Zahl der Schulkinder hatte sich auf 50 bis 60 eingependelt, hatten Lehrer und Schüler andere Probleme: „Der bauliche Zustand der Schule hat sich wiederum verschlechtert“ – dieser Satz wiederholt sich Jahr für Jahr in Entrops Aufzeichnungen. Die Folge: Am 6. Februar 1958 wird der Grundstein der neuen Mauerschule gelegt. Die Chronik dokumentiert den kompletten Prozess – von der ersten Besichtigung des neuen Geländes bis zur Aufstellung der Kosten und Fotografien der fortschreitenden Arbeiten bis zur Eröffnung im Februar 1959. „Die schönste Schule im Amt Hubbelrath“ titelte die Rheinische Post am 31. Januar 1959.
In dieser Zeit mausern sich die Mauerschüler auch auf anderen Gebieten: Zahlreiche Artikel dokumentieren erfolgreiche Teilnahmen an Bundesjugendspielen. Dazu berichtet Lehrer Entrop regelmäßig über Ausflüge, Freizeiten und Feiern. Aber auch traurige Nachrichten hielt die Chronik fest, etwa den Tod eines Mitschülers: Am 1. August 1960 wurde der achtjährige Wolfgang Gerrit nach einem Sturz vom Trecker von einem nachfolgenden Wagen überfahren.
Das Jahr 1967 bedeutete für die Mauerschule den Anfang vom Ende: Nachdem die Soldaten die Unterkünfte der Hubbelrather Kaserne geräumt haben, ziehen immer neue Familien zu. Die sprunghaft steigenden Schülerzahlen kann die Mauerschule nicht mehr bewältigen. Die ehemalige Truppenunterkunft der Nato-Siedlung wird in einen provisorischen Schulneubau umgewandelt. Im September 1967 nimmt die vierklassige Volksschule den Unterricht auf, die Mauerschule wird kurz darauf aufgelöst. Ein Jahr später heißt die Nato-Siedlung Ortsteil Knittkuhl. „So ist alles was Ratingen betrifft, heute in Düsseldorfer Besitz“, sagt Zirr betrübt.
Eines kann er aus eigener Erfahrung beisteuern: „Der Mauerweg war ein alter Salz- und Handelsweg von Lübeck nach Marseille. Das hat man uns Schülern immer und immer wieder eingebläut.“
Chronikschreiber Helmut Entrop verstarb 1989.
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