Ratingen: Zwei Stunden für 20 Kilometer
VON NORBERT KLEEBERG - zuletzt aktualisiert: 23.12.2009Düsseldorf (RPO). Viele Ratinger steckten vor allem am Montagabend im Verkehrschaos fest: Wer nach Düsseldorf wollte, wartete auf die Linie 712 vergeblich. Ein Fahrer der Linie 719 sprang in die Bresche. Ein Erfahrungsbericht.
Dieser Abend war wie verhext. Das Ratinger Ehepaar wollte sich einen Ballett-Abend in der Deutschen Oper am Rhein gönnen und ganz entspannt anreisen. Doch der Winter und die hoffnungslos überforderte Rheinbahn verwandelten die Freude aufs Vergnügen in einen wahren Alptraum. Das Protokoll einer langen Irrfahrt, die nur mit viel Glück zu einem guten Ende kam.
17.13 Uhr, Haltestelle Grabenstraße:
Warten auf die Linie 712. Nur wenige Fahrgäste stehen an der Haltestelle. Durchsagen oder Fahrgastinformationen gibt es nicht. Missmutig gehen die Bürger auf und ab. Immer wieder schauen sie auf den Busbahnhof. Dort herrscht reges Treiben. Ein gutes Zeichen?
17.52 Uhr, Haltestelle Grabenstraße:
Noch immer wartet das Ratinger Ehepaar auf die Linie 712. Langsam, aber sicher greift Nervosität um sich. Die Ballett-Aufführung beginnt um 19.30 Uhr. Erste Panik macht sich breit: Das könnte verdammt knapp werden.
18.05 Uhr, Haltestelle Grabenstraße:
Eine Bahn fährt ein – völlig überraschend. Die 712? Nein. Es ist die 719. Der rustikale Fahrer fordert die Gäste auf, schnell einzusteigen, schließlich sei die Zeit knapp, und er sei auch nicht die 712. "Ich bin die 719", schmettert er ins Mikro, "und ich bringe euch jetzt zur Schlüterstraße in Düsseldorf. Dort kann man umsteigen und die 703 oder 713 nehmen." Freude macht sich breit beim Ratinger Ehepaar – und Wärme. Hauptsache: Man sitzt jetzt in der beheizten Bahn, zwar nicht in der richtigen, aber immerhin.
18.17 Uhr, unterwegs:
Die Bahn ist mittlerweile rappelvoll. Viele Fahrgäste murren, weil der Fahrer keine weiteren Informationen gibt. In der Gegenrichtung rauscht eine Bahn vorbei. Es ist die 712. Die Bahn ist völlig leer. Ungläubiges Staunen bei den Rheinbahn-Kunden, die nur noch Bahnhof verstehen.
18.35 Uhr, Schlüterstraße, Düsseldorf:
Die Fahrgäste steigen aus. Das Ratinger Ehepaar bedankt sich beim Fahrer für den Einsatz. An der Haltestelle ist es verdammt eng geworden. Viele Bürger schauen auf die "Dynamische Fahrgastinformation", so der Fachbegriff der Rheinbahn. Doch von Dynamik kann keine Rede sein. Da tauchen Bahnen mit errechneten Ankunftzeiten auf und verschwinden dann wieder vom Tableau. Immerhin: Die 703 wird angekündigt. Und sie kommt auch – fast auf die Minute genau.
18.45 Uhr, Schlüterstraße, Düsseldorf:
Die Bahn ist voll. Manche Kunden stehen in den Türen, die nicht mehr schließen. Die Zeit verrinnt. Immer wieder muss die Linie 703 auf dem Weg Richtung Innenstadt stoppen. An der Grafenberger Allee steigt der Fahrer aus. Er muss prüfen, ob die Weichen vereist sind. Zum Glück kann er die Fahrt fortsetzen.
19.07 Uhr, Jan-Wellem-Platz, Düsseldorf: Für viele Fahrgäste ist die Reise noch nicht beendet. Das Ratinger Ehepaar stapft durch den Schnee. Um 19.15 Uhr erreichen die Beiden das Foyer der Oper. Sie haben knapp zwei Stunden für rund 20 Kilometer gebraucht.
21.57 Uhr, Oper, Düsseldorf: Die Ratinger nehmen sich ein Taxi, weil sie sich eine weitere Tortur nicht mehr antun wollen.
22.35 Uhr, Lintorf: Sie sind wieder daheim. Sie sind gut angekommen. Mit rheinischem Humor nehmen sie es leicht: "Ja, es war wirklich ein unvergesslicher Abend."
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