Ein treuer Fan: Zu Borussia gab‘s Kartoffelchips
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 21.12.2011 - 12:57Unser Autor gehört zu einer Generation, die Borussia meist im Abstiegskampf erlebte. Doch die DFB-Pokalabende im Fernsehen waren Ausflüge in eine Welt, in der er noch träumen durfte und in der Elfmeter-Killer Uwe Kamps zum ersten Helden seiner Kindheit wurde.
Es gibt nur zwei Arten von Borussia- Fans: Die, die vor 1980 geboren wurden, und die, die nach 1980 geboren wurden. Die erste Gruppe erinnert sich an Spitzenspiele, Meisterschalen und Europapokalspiele, die zweite bloß an Abstiegskampf und das DSF-Montagsspiel. Ich bin nach 1980 geboren wurden. Ich kenne nur den grauen Alltag.
Nicht so schnell. Da ist ja noch der Wettbewerb, in dem alles möglich ist, der DFB-Pokal. Der DFB-Pokal ist nicht grau, er ist bunt und besonders bunt waren immer die Abende, an denen das Fernsehen ein Spiel mit Gladbacher Beteiligung zeigte. Das war für mich nicht nur deshalb etwas Besonderes, weil das internationale Geschäft nahe war, sondern auch, weil ich mein Team mangels „Premiere“ sonst nie live im Fernsehen gucken konnte. Es waren Festabende im Wohnzimmer, auf die ich mich schon beim Aufwachen freute und die von jeder Menge Süßigkeiten umrahmt wurden. Etwas, das sonst in unserer Familie nicht üblich war. Das ist auch meine stärkste Erinnerung an das Spiel gegen Schalke im Viertelfinale 1995 – wie mein Vater Schalen, ich glaube sie waren blau, mit Chips, Erdnüssen und Schokolade gefüllt hatte. Diese Erinnerung ist sogar stärker als der 3:2-Sieg.
Meine erste DFB-Pokal-Fernseherfahrung ist allerdings eine andere und sie ist die legendärste: Am 7. April 1992 bin ich Zeuge, wie Uwe Kamps im Halbfinale gegen Leverkusen vier Elfmeter hält. Selbst als Achtjähriger war mir die Dimension dieses Ereignisses klar. Der Name Uwe Kamps würde immer mit dieser Heldentat verbunden werden so wie Helmut Kohl mit der Wiedervereinigung. Was mir allerdings nicht klar war: Der Sieg sollte lediglich für mehr Fallhöhe sorgen.
Am 23. Mai 1992 wurde mein Cousin getauft. Es war der Tag des Pokalfinales gegen Hannover, und wegen der Festivitäten durfte ich es nicht live sehen. Mein Onkel zeichnete es auf Video auf. Als wir abends vor dem Fernseher saßen, hatte ich das Gefühl, dass alle außer mir das Ergebnis bereits kannten und mich fast tröstend ansahen. Die Geschichte des Elfmetertöters Kamps wiederholte sich nicht, er hielt nur einen, und der Grundstein für meine Abneigung gegen Hannover 96 war gelegt. Erst drei Jahre später verschwand der Schmerz. Wolfsburg hatte keine Chance. Ich sah das Spiel im Vereinsheim meines Fußballclubs, wir feierten gerade unsere Meisterschaft, Borussia feierte den Pokalsieg. Ich hatte das Double geholt. Besser ging es nicht.
Und wieder ging es bloß um die Fallhöhe, denn alle DFB-Pokal- Erinnerungen danach sind bitter, im besten Fall deprimierend. Es gab zwar wieder Schokolade und Chips in einem Ausmaß, das eine Kleinstadt versorgt hätte, aber das schmeckte nur, wenn Borussia nicht verlor. Leider tat sie das oft. Also immer, wenn ich einschaltete.
Ich erinnere mich an ein matschiges Halbfinale gegen Union Berlin im Februar 2001. So nah vorm Olympiastadion und dann doch raus im Elfmeterschießen. Ich erinnere mich an ein desaströses 0:5 gegen Schalke in der 2. Runde 2002. Da standen sich zwei Mannschaften aus unterschiedlichen Welten gegenüber, die unterschiedliche Sportarten ausübten. Und ich erinnere mich an den 17. März 2004. Der Tag, an dem Schiedsrichter Edgar Steinborn aus Sinzig ein Handspiel übersah, das sogar den Astronauten der Raumstation Mir nicht entgangen war. Gladbach bekam den Elfmeter nicht und verlor gegen Aachen. Die Printen spielten in der Saison darauf trotz Finalniederlage international, weil Gegner Bremen Meister wurde – Gladbach hingegen spielte mal wieder gegen den Abstieg. Ich hatte die Nase voll von Pokalabenden im öffentlichrechtlichen Fernsehen. Nie mehr würde ich mir das antun.
Ja, natürlich sehe ich mir heute Abend das Spiel im TV an. Aber ich versuche es mit Pistazien.
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