Fukushima: Die Wende nach dem GAU
VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 19.12.2011Es ist der 11. März 2011, als um 6.46 Uhr und 23 Sekunden unserer Zeit 370 Kilometer nordöstlich von Tokio der Meeresboden im Pazifik bebt.
Mit einer Stärke von 9.0 ist das die stärkste Erschütterung seit Beginn der Aufzeichnungen in Japan vor 140 Jahren. Sie dauert zwar nur zwei Minuten. Doch ein Tsunami, eine Flutwelle, entsteht und erreicht Japan. Im Schnitt ist sie zehn Meter hoch, doch bedingt durch die Küstenformation kann der Tsunami noch höher werden: mehr als 14 Meter beispielsweise in Fukushima. Die Macht des Wassers reißt Autos, Häuser, Boote und Menschen mit sich. In Tokio stehen nach dem Beben Häuser in Flammen. Viele Japaner bangen um das Leben ihrer Angehörigen. Am Ende fordert das Beben knapp 16 000 Opfer, mehr als 3500 werden im Dezember 2011 immer noch vermisst.
Am 11. März geht diese Nachricht um die Welt. Doch wenige Stunden nach dem Tsunami erreicht eine zweite Schreckensbotschaft Deutschland: Durch das Beben und die anschließende Flutwelle ist im Atomkraftwerk Fukushima im Norden Japans der Strom und damit die Kühlung in sechs Blöcken ausgefallen. Zunächst ist das nicht mehr als eine Nachricht von vielen aus dem Erdbebengebiet.
Als es dann am 12. März zur ersten einer Reihe von Knallgas-Explosionen kommt, die bis zum 15. März die Gebäude der Blöcke 1, 2, 3 und 4 schwer beschädigen, löst das in Deutschland eine Schockwelle aus. Für Experten sind die Explosionen bereits ein eindeutiges Indiz dafür, dass es tatsächlich zumindest zu einer teilweisen Kernschmelze in den Reaktorkernen gekommen ist. Für die meisten Menschen in Deutschland und die regierende CDU aber ist das der Moment des Umdenkens, des Ausstieges aus der Kernkraft und des Einstieges in die Energiewende.
Die kommt indes nur schleppend in Fahrt – obwohl nur noch knapp zehn Jahre bleiben, bis das Licht im letzten deutschen Kernkraftwerk ausgeht. Bis 2022 muss sie geschafft sein – die Energiewende, für die 2012 das Jahr der Entscheidung wird.
Aber der Wille dazu ist da, die politischen Grundsatzbeschlüsse sind gefasst und auch die Technologie ist vorhanden. Es fehlt nur das schlüssige Gesamtkonzept. Der Bundesverband der Deutschen Industrie beispielsweise fordert ein "Kontrollzentrum Energiestrategie Deutschland". Dort sollten alle Fragen zur Energiewende gebündelt und wenn nötig nachgesteuert werden. Damit ist man gar nicht so weit weg vom Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), der erst kürzlich davon sprach, dass ein Masterplan erstellt werden müsse. Einer, "der zeigt, wie die verschiedenen Elemente zeitlich und inhaltlich ineinandergreifen und der dafür sorgt, dass das Gesamtsystem funktioniert und die Energiepreise im Rahmen bleiben".
Es ist ein Plan, der längst überfällig ist. Die Eckpunkte stehen dabei fest: Erneuerbare Energien wie Windkraft und Photovoltaik sollen bis 2020 ihren Anteil von derzeit etwa 20 Prozent auf mindestens 35 Prozent der Stromerzeugung steigern. Das möchte man vor allem mit einem drastischen Ausbau der Windkraftanlagen vor den Küsten Deutschlands erreichen. Aber bislang geht das nur zögerlich voran. Trotz insgesamt fünf Milliarden Euro Fördergeldern. Zwar sind mehr als 25 Anlagen in Nord- und Ostsee genehmigt. Aber die wenigsten davon sind bislang in Angriff genommen worden. Was aber auch nicht wirklich tragisch ist, weil die Infrastruktur fehlt, um so viele Offshore-Windparks mit dem Stromnetz zu verbinden. Das aber ist selbst gar nicht dafür gerüstet, um Strom, der vor den Küsten erzeugt worden ist, bis in den Süden Deutschlands zu transportieren.
Dreh- und Angelpunkt ist darum, dass das Stromnetz ausgebaut wird. Zehn bis 20 Projekte gibt es dazu, die laut Röttgen schlagartig die Leistungsfähigkeit des Stromnetzes erhöhen würden. Doch gerade die dafür benötigten mehr als 70 Meter hohen Strom-Masten für die Höchstspannungsleitungen stoßen immer wieder auf massive Kritik aus der Bevölkerung – bis hin zu Klagen gegen die Errichtung. Die Frage wird darum sein, wie die Bundesregierung einen beschleunigten Ausbau konsequent durchsetzen möchte.
Damit einher geht ein intelligentes Lastmanagement: Das Stromnetz muss man als Netzwerk begreifen. Ähnlich wie das Internet beispielsweise oder ein Telefonnetz. Was das Stromnetz aber einzigartig macht, ist, dass sich die Strom-Erzeugung, die Strom-Übertragung und der Strom-Verbrauch simultan verändern können. Eine Kontrolle des gesamten Systems ist darum dringend notwendig, damit es effizient funktioniert. Denn nur dann lässt sich die Last intelligent regeln. Das steckt hinter dem Smart Grid: Ein Regelungssystem, das Strom dorthin transportiert, wo er benötigt wird und den Verbrauch entsprechend managt. Auch das steckt in Deutschland zwar nicht in den Kinderschuhen, aber die Voraussetzungen für so ein Smart Grid, die Mess- und Regelungstechnik sowie Standards und Möglichkeiten zur Datenübertragung – sie fehlen noch.
Gleichzeitig sollen flexible und effiziente Gaskraftwerke errichtet werden, die ein Ungleichgewicht aus der Strom-Erzeugung durch Erneuerbare Energien und dem tatsächlichen Energieverbrauch ausgleichen sollen.
Ein weiterer Punkt wird der Schritt in Richtung eines energieeffizienten Deutschlands sein, um Strom zu sparen und den Verbrauch zu senken. Schließlich entfallen etwa 40 Prozent des Energiebedarfs derzeit auf Gebäude und dort liegt der größte Handlungsbedarf. Auch da müssen 2012 die Weichen gestellt werden. Sicher scheint nur: Das Energieverbraucher-Portal Verivox rechnet mit um bis zu vier Prozent steigenden Stromkosten für 2012 – auch bedingt durch die Energiewende.
Fukushima hat eine Veränderung in Deutschland eingeleitet. 2012 wird das Jahr sein, in dem sich entscheidet, ob sie tatsächlich tiefgreifend sein wird. Mit der Entscheidung, möglichst schnell aus der Kernkraft auszusteigen, hat sich Deutschland selbst unter Druck gesetzt. Bei den Energiekonzernen sind Tausende von Jobs bedroht, denen aber Tausende neuer Stellen für den Umbau des Energiesystems gegenüberstehen könnten. Viel Zeit bleibt nicht, die Weichen zu stellen. Doch gerade unter dem Druck des drohenden Klimawandels schauen viele Länder nach Deutschland und beobachten, ob der Umbau in Richtung einer "grünen" Stromerzeugung tatsächlich gelingen kann.
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