Aufgaben früher und heute: Geschichte des Deutsch-Abis
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 20.04.2009 - 14:35Aufgaben früher und heute (RPO). Wenn morgen in NRW das Zentral-Abitur beginnt, taucht in Deutsch ein alter Bekannter auf: Don Carlos. Vieles hat sich auch verändert. Ein Streifzug durch das Archiv eines Krefelder Gymnasiums.
Neben allem, was ins Auge springt, fällt auch dies fast rätselhaft deutlich auf: Ab 1945 ändert sich die Schrift der Schüler. Sie wird weicher, kindlicher, und das liegt nicht nur daran, dass die Schriftart eine andere wird. Vielleicht spiegelt sich hier der Anbruch einer neuen Epoche; so etwas wie der verspätete Beginn der deutschen Moderne – und vielleicht durfte die Jugend jugendlicher werden und freier.
Und noch etwas fällt auf: Wenn morgen die Schüler in NRW zum Auftakt des Zentralabiturs ihre Deutsch-Klausuren schreiben, dann werden ihnen vergleichsweise nüchterne Textanalysen abverlangt. Dies ist eine relativ junge Errungenschaft und ein Fortschritt: Geprüft wird keine Gesinnung, sondern die Fähigkeit zum Analysieren – wichtiges Rüstzeug für Mündigkeit.
Dies geht einem durch den Kopf, wenn man das Archiv des Krefelder Gymnasiums am Moltkeplatz besucht und Deutsch-Abiturarbeiten seit Anfang des 20. Jahrhunderts durchblättert. Es ist ein kleines, schmuckloses Reich, das Direktor Rolf Neumann öffnet: Erstaunlich, wie wenig Platz Abiturarbeiten aus einem Jahrhundert benötigen. Eindrücke:
Seit Ende des Ersten Weltkrieges ist eine Politisierung der Aufgabenstellungen festzustellen, die bis tief in die 60er Jahre reicht und die jeweilige politische Lage reflektiert: Weimar, Hitler-Zeit, Demokratie mit analytischem Rückblick auf die Propaganda-Sprache der Nazi-Zeit. Seit den 80er Jahren überwiegt der analytische Zugriff. Die Aufgabenstellungen werden länger, spürbar ist das Bemühen um Transparenz in den Anforderungen.
1914 mussten die Abiturienten des "Reformrealgymnasiums zu Crefeld", das heutige Gymnasium am Moltkeplatz, drei literarische Themen bewältigen: Die "Braut von Messina" und "Don Carlos" von Schiller sowie Heinrich von Kleists "Prinz von Homburg".
Literatur soll als Erziehung fürs Leben erörtert werden: "Bei dem Anblick seiner Tragödie", schreibt der Kandidat Wolfgang von Beckerath zur "Braut von Messina", "wird nicht das niederdrückende Gefühl aufkommen, dass der Mensch in der Hand des Schicksals liegt, sondern das Schicksal in der Hand des Menschen". Wohl gesprochen, die Arbeit wird von "Professor Karl Hoppe, Oberlehrer" mit "gut" bewertet.
Zeitsprung ins Jahr 1925 hin zu beklemmenden Schülertexten. Die Weimarer Demokratie kämpft ums Überleben. Ein Thema in Krefeld ist "Kleists ,Prinz von Homburg' als vaterländisches Stück gewertet".
Ein Schüler schreibt: Das Stück sei geeignet, "die wenigen Leute, die noch heute in einer Zeit tiefen Niederganges Deutschlands wirklich echtes patriotisches Empfinden haben, in ihrer Gesinnung zu unterstützen (...). Einen Kurfürsten haben wir nötig, der die zersplitterten Parteien des deutschen Reichs zu einer vaterländischen Partei zusammenschweißt zum Wohle der Deutschen." Demokratie-Skepsis und Sehnsucht nach einem Führer als Abitur-Standardwissen – man versteht, warum Weimar am Ende unterging.
1939 herrschte, wie zu erwarten, Nazi-Propaganda. Es gab nur Gesinnungs-Themen wie "Der Mensch gehört nicht sich selbst, sondern seinem Volk". Das einzige gleichsam unverdächtige Thema lautete: "Wie kann Raabes Mahnung ,Sieh nach den Sternen! Gib acht auf die Gassen!' Leitspruch für meinen künftigen Lebensweg sein".
Das Raabe-Wort bot Anlass, über die Versöhnung von Ideal und Wirklichkeit zu philosophieren – in einer heute grotesk anmutenden Harmlosigkeit, denn draußen herrschte brauner Terror, nackte Gewalt. Literarische Themen kehrten erst nach dem Krieg zurück.
Auch die Schülersprache hat sich verändert. Fachbegriffe hielten Einzug, die den analytischen Grundzug betonen sollen. 1998 schrieb eine Schülerin zu einer Textstelle aus Heinrich Manns "Professor Unrat": "Syntaktisch gesehen, ist der Textauszug hypotaktisch und parataktisch aufgebaut."
Nicht geändert hat sich, dass die Literatur das Leben widerspiegelt und Schüler immer wieder zu komplizierten Räsonnements mit Ewigkeitscharakter treibt. Zu Professor Unrat heißt es 1998 etwa, "dass ein Tyrann, der in seinem Innern ein Anarchist ist, zwar überleben kann, aber sobald der Tyrann zerstört ist, der Anarchist ausbricht, zum Scheitern verurteilt ist."
So war es, so ist es – das Leben, das Abitur und das Leben im Abitur: kompliziert.
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