280.000 Wohnungen: LEG-Verkauf: Die Favoriten
VON THOMAS REISENER - zuletzt aktualisiert: 05.06.2008 - 09:00280.000 Wohnungen (RPO). Neben der Deutschen Annington und dem Goldman-Sachs-Ableger Whitehall hat in letzter Minute auch noch die irische Tomkin-Gruppe ein ungewöhnliches Angebot abgegeben. Mieterschützer haben gegen alle drei Bedenken.
Die monatlichen Zahlungen der 280.0000 LEG-Mieter landen schon in wenigen Wochen auf dem Konto eines neuen Besitzers. Nach Informationen unserer Zeitung hat das Land NRW die drei verbliebenen Kaufinteressenten schon in der nächsten Woche zu vertiefenden Gesprächen eingeladen. Das NRW-Finanzministerium zeigte gestern auf Anfrage „große Zuversicht“, dass der Verkauf der LEG „Ende diesen Monats abgeschlossen sein wird“.
Wie am 22. April berichtet, gehören zum Bieterkreis das größte deutsche Wohnungsunternehmen „Deutsche Annington“, das in Bochum sitzt und dem britischen Finanzinvestor Terra Firma gehört. Ferner der Immobilienfonds „Whitehall“, hinter dem die US-Investmentbank Goldman Sachs steckt. Annington bietet Gerüchten zufolge knapp 3,4 Milliarden Euro auf die mit 2,7 Milliarden Euro verschuldete LEG, Whitehall informierten Kreisen zufolge 3,3 Milliarden Euro.
Die LEG-Sozialcharta
Die Landesentwicklungsgesellschaft gehört mit 93 000 Wohnungen zu den Großen im deutschen Immobilien-Geschäft und ist im Wesentlichen im Besitz des Landes NRW. Sie ist hoch verschuldet und war lange defizitär. Die Mieter zahlen oft Mieten unter dem Marktwert. Mit einer umfangreichen Sozialcharta will das Land die Privilegien der Mieter über den Verkauf hinaus schützen. Unter anderem kann der Käufer nur sehr beschränkt weiterverkaufen und darf die Mieten kaum erhöhen.
Neuer Rivale aus dem Nichts
Kurz vor Auslaufen der Frist hat in der vergangenen Woche aber auch der irische Millionär und Jura-Professor David Tomkin noch ein Angebot abgegeben. Tomkin, der ein traditionsreiches, aber kleines Wohnungsportfolio in Irland besitzt, ist auf dem deutschen Wohnungsmarkt unbekannt. Nach eigenen Angaben hat sich die Tomkin-Gruppe auf ein „soziales Immobilienmanagement spezialisiert“ und verfügt über viel Erfahrung „in der Entwicklung und Verwaltung von Wohnungen für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen“.
Ebenso unbekannt wie Tomkin ist in Deutschland das Geschäftsmodell, mit dem die Iren den LEG-Kauf abwickeln und die 93.000 Wohnungen bewirtschaften wollen. Finanzkreisen zufolge strebt Tomkin eine „company limited by guarantee“ an. Diese Rechtsform, im angelsächsischen Raum seit 20 Jahren üblich, entspricht einer Mischung aus gemeinnütziger Stiftung und GmbH.
Das Gebilde, das bei Tomkin intern den Arbeitstitel „Sicher Wohnen GmbH“ trägt, soll die LEG kaufen und betreiben. Sie verpflichtet sich, selbst keine Gewinne zu entnehmen, sondern sämtliche Gewinne aus dem LEG-Betrieb in die LEG zu reinvestieren.
Selbstlose Iren?
Tomkins „Sicher Wohnen GmbH“ soll von einem Beirat kontrolliert werden, in dem neben David Tomkin selbst auch Mieter-Vertreter, Wirtschaftsprüfer, Immobilien-Experten und gegebenenfalls Bankenvertreter und Landespolitiker gleichwertige Stimmrechte bekommen. Der Beirat bestellt das LEG-Management. Eine Art „goldene Aktie“ an der GmbH, die entweder das Land NRW oder die NRW-Bank bekommen soll, soll gewährleisten, dass die ungewöhnlichen Spielregeln unveränderbar sind. Die GmbH will ohne Eigenkapital auskommen, weil die 2,7 Milliarden Euro Schulden der LEG dort verbleiben. Sie sollen aus den Mieteinnahmen bedient werden. Für den Netto-Kaufpreis in Höhe von einigen 100 Millionen Euro hat Tomkin eine Kreditzusage von der Royal Bank of Canada. Auch diese Schulden sollen auf die LEG überwälzt werden. Tomkins eigenes Motiv ist eine laufende Management-Vergütung, die er für seine Arbeit und sein Risiko von der GmbH bezahlt bekommen will.
Was die Mieterschützer sagen
Der Deutsche Mieterbund (DMB) NRW befürchtet, dass die Canada-Bank über Tomkin indirekt einen gewinnorientierten Einfluss auf die LEG-Mietverhältnisse nehmen könnte. „Ansonsten ist uns nichts Negatives über Tomkin zu Ohren gekommen“, sagt DMB-NRW-Geschäftsführer Mirco Theiner, „auch aus deren Heimatmarkt nicht.“
Gegen Whitehall hat der DMB Bedenken, weil sich das Unternehmen 2004 nach dem Kauf des kommunalen Wohnungsunternehmens GSW in Berlin den Mietern gegenüber unsozial verhalten habe. „Da wurde das Mieterhöhungspotenzial sofort ausgenutzt und die Belegschaft optimiert“, erinnert sich Theiner. Außerdem seien 1529 Wohnungen schon nach einem halben Jahr weiterverkauft worden, was für Mieter meist nachteilig ist, weil die Mietbedingungen dann erneut verhandelt werden können. Goldman Sachs äußert sich zu diesen Vorwürfen nicht.
Der Deutschen Annington und ihrer Mutter Terra Firma werfen die Mieterschützer einen „riesigen Instandhaltungsstau“ vor. Lange Mängellisten etwa von Annington-Mietern im Essener Norden würden ignoriert. Die Instandhaltungs-Investitionen würden geheim gehalten und lägen „geschätzt noch deutlich unter dem im sozialen Wohnungsbau üblichen“.
Auf Anfrage unserer Zeitung gab Annington ihre Instandhaltungs-Investitionen mit 16 Euro pro Quadratmeter und Jahr an. Diese Quote ist branchenüblich, liegt aber unterhalb der 25 Euro, die die LEG selbst im vergangenen Jahr im Schnitt in jeden Quadratmeter investiert hat.
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