Tag der Halbjahreszeugnisse: Machen Kopfnoten Sinn? Ein Streitgespräch
VON MODERIERT VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 18.01.2008Tag der Halbjahreszeugnisse (RPO). Die Halbjahrszeugnisse an den Schulen in NRW sind ausgeteilt worden – sie enthalten erstmals sechs Teilnoten zum Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler. Über Nutzen oder Schaden solcher Noten debattierten Landesschülervertreter Horst Wenzel, NRW-Philologenverbandschef Peter Silbernagel, Martina Ernst, Geschäftsführerin der Vereinigung der Industrie- und Handelskammern in NRW, sowie Meinhard Walenciak vom Landeselternrat Gesamtschulen.
Frage: Herr Wenzel, warum fürchten Sie Kopfnoten? Seien Sie fleißig, benehmen Sie sich anständig – und es gibt kein Problem.
Wenzel: Kopfnoten sind doch reine Sympathienoten. Lehrer erhalten ein Machtinstrument; Schüler werden unter Druck gesetzt; dieser führt dazu, dass Schüler sich im Blickfeld des Lehrers verstellen müssen.
Frage: Aha, Lehrer sind Feinde.
Wenzel: Nicht missverstehen. Ich hab nichts gegen Lehrer, das Problem sind die sechs neuen Noten.
Frage: Sie reden aber so, als wären Lehrer Feinde.
Wenzel: Kopfnoten sind für den Erwerb sozialer Kompetenzen kontraproduktiv.
Die „Kopfnoten“
Das Arbeits- und Sozialverhalten wird in sechs Kategorien beurteilt: Zum Arbeitsverhalten gibt es Teilnoten für Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit/Sorgfalt, Selbstständigkeit. Zum Sozialverhalten gibt es Teilnoten für Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten, Kooperationsfähigkeit.
Die Noten lauten: sehr gut; gut; befriedigend; unbefriedigend. Diese Kopfnoten werden ab der vierten Klasse vergeben.
Frage: Herr Silbernagel, sind Lehrer Willkür-Richter?
Silbernagel: Man kann viel Kritisches über Kopfnoten sagen, aber nicht unterstellen, dass sie ein Instrumentarium zur Machtausübung sind. Lehrkräfte müssen immer auch erziehen. Kopfnoten sollen das Wertebewusstsein schärfen.
Frage: Frau Ernst, ist die Wirtschaft zu leichtgläubig, was die Fähigkeit von Lehrern zu fairer Beurteilung angeht?
Ernst: Unsere Lehrer sind Profis, die verantwortungsbewusst handeln. Warum sollten sie den Schülern bewusst schaden wollen? Im Übrigen vertraue ich sehr wohl in die Lernfähigkeit der Schüler. Die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens ist ein wichtiger Begleiter in der persönlichen Entwicklung.
Frage: Herr Walenciak, sind Kopfnoten gut zum Erziehen?
Walenciak: Kopfnoten sind ein mögliches Instrument zur Erziehung; ich bezweifele aber, dass sie in der jetzt beschlossenen Form sinnvoll sind. Es kann doch nicht sein, dass jetzt ganze Schulen Einheitsnoten vergeben – dann wird jeder Lehrer bestraft, der sich Mühe gibt, und jeder Schüler, der eine authentische Note bekommt.
Frage: Ist der Effekt nicht dennoch positiv? Ein Kollege berichtete: Seine Eltern fanden eine Fünf in Mathe auf dem Zeugnis nicht so wild – aber wehe die Noten für Fleiß und Betragen stimmten nicht.
Walenciak: Ja, damals hatte Schule, hatten die Lehrer noch einen anderen Stellenwert im Elternhaus. Damals bekamen die Schüler eine Standpauke für schlechte Noten – heute bekommt der Lehrer sehr oft die Standpauke.
Frage: Schüler tauchen bisher immer als Opfer auf. Sind schlechte Kopfnoten nicht ein heilsamer Schock für Schüler, die sich an keine Regeln halten?
Wenzel: Wenn die Kopfnoten jeden bestrafen, der von der Norm abweicht, dann züchten wir uns eine Generation von Duckmäusern und Schleimern heran.
Frage: Aber man bekommt doch keine schlechte Kopfnote für eine radikale Meinung in einer sachlichen Auseinandersetzung.
Wenzel: Leider führen Kopfnoten oft dazu, dass die Leute ihre Meinung nicht mehr sagen.
Frage: Herr Silbernagel, machen Kopfnoten Schüler zu einem Heer von Duckmäusern?
Silbernagel: Nein, ein solches Verhalten würde eine Schule lähmen.
Walenciak: Glauben Sie aber umgekehrt, dass die Kopfnoten lauter gute Menschen schaffen? Die Schüler, die jetzt als Problemschüler auf der Strecke bleiben, werden auch mit Kopfnoten auf der Strecke bleiben. Auch wenn unsere Lehrer zum großen Teil sehr engagiert sind: Ich sehe das Problem, dass man jetzt plötzlich allen Stufen Kopfnoten aufdrückt.
Silbernagel: Das stimmt und hat etwas mit Vertrauensschutz zu tun. Es ist nicht in Ordnung, dass jetzt Abgangsschüler Kopfnoten bekommen, die in ihrer ganzen Schulzeit nichts damit zu tun hatten.
Wenzel: NRW-Schulministerin Barbara Sommer zeichnet an dieser Stelle immer das idyllische Bild vom Hauptschüler, der fachlich nicht so gut ist, aber durch gute Kopfnoten Einsatzbereitschaft belegen kann. Die Jugendlichen befinden sich in der Schulzeit in einer Persönlichkeitsentwicklung – da muss man sich ausprobieren. Das kann man ihnen nicht ein Leben lang vorhalten.
Ernst: Das stimmt so nicht. Für die Wirtschaft sind Noten zwar wichtig, aber der persönliche Eindruck ist oft entscheidender. Frau Sommer hat das schon richtig dargestellt: Gute Kopfnoten sind durchaus eine Chance für Schüler, die Schwachpunkte im Fachlichen haben.
Silbernagel: Dennoch ist das, was Herr Wenzel sagt, auch nicht von der Hand zu weisen. Ein Befriedigend in Kooperationsfähigkeit wird einen Schüler ein Leben lang verfolgen. Ich bin skeptisch, ob man auf Abschlusszeugnissen Kopfnoten geben sollte.
Wenzel: Eigentlich hat die Schule doch schon alles versäumt, wenn eine schlechte Kopfnote zustande kommt. Wir brauchen an Schulen eine ganz andere Feedback-Kultur.
Frage: Aber Kopfnoten sind doch Feedback, Rückmeldung. Hand aufs Herz, Herr Wenzel: Sie wollen doch nur verhindern, dass einmal im Jahr eine harte Rückmeldung kommt, wie sich einer benommen hat. Da hätten Sie lieber weiter einen dunklen Fleck.
Wenzel: Wir kämpfen nicht gegen Licht. Aber wenn jemand in einer Klasse der Aggressor ist und Mobbing-Prozesse initiiert, dann ist das ein komplexes Ding. Rückmeldungen müssen sofort erfolgen und nicht ein halbes Jahr später auf dem Zeugnis durch eine Zahl ausgedrückt werden.
Ernst: Selbstverständlich muss es zur Sanktionierung eines solchen Störverhaltens auch andere Maßnahmen geben. Aber das spricht doch nicht gegen Kopfnoten!
Wenzel: Aber zur Zeit schafft Schule doch mehr Probleme, als dass sie welche löst. Wir haben eine total notenfixierte Schule, die Schüler zum Lernen zwingt, statt sie dafür zu motivieren. Es gibt auch kein Feedback an Lehrer über die Qualität ihres Unterrichts. Schüler trauen sich doch nicht, eine klare Rückmeldung zu geben, weil sie dann Angst haben müssen, eine schlechte Note zu bekommen.
Ernst: Ich bedaure Ihr negatives Bild von Schule. Zur Vorbereitung auf ein glückliches, eigenverantwortliches Leben gehört eben auch, dass man sich nicht immer alles aussuchen kann. Je eher man lernt, Regeln zu akzeptieren, um so leichter fällt es. Außerdem würde es bei Textzeugnissen sicher genau die gleiche Kritik geben. Noten sind wichtige Orientierungshilfen. Kinder und Jugendliche wollen sich messen. Das sollte man ihnen nicht verwehren.
Walenciak: Ich glaube schon, dass Kinder nach Rückmeldung und Orientierung verlangen; ob sie aber auch nach Noten verlangen, bezweifle ich.
Silbernagel: Die „Noten ja oder nein“-Debatte führt zu weit und ist unrealistisch. Schule ohne Noten – das geht nicht. Der Punkt bei den Kopfnoten ist: Es gibt handwerkliche Mängel. Sechs Teilnoten sind zu viel, die Kriterien fragwürdig. Wir brauchen Korrekturen, wir brauchen Vereinfachung, wir brauchen mehr Klarheit und eine Erprobung, damit das gute Anliegen nicht Schaden nimmt.
Wenzel: Da können wir so lange diskutieren, wie wir wollen – in der Ausrichtung von Schule werden wir nicht übereinkommen.
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