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Alte Zeiten: Der King und der Kaiser

VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 20.01.2012 - 12:00

Mönchengladbach (RPO). Revoluzzer oder Pragmatiker. Lange Haare oder kurze. Netzer oder Beckenbauer. Fußball-Fans in den 70-ern mussten sich entscheiden zwischen zwei Weltklassespielern, die für unterschiedliche Weltanschauungen standen. Nur bei der Europameisterschaft 1972 spielten sie zusammen – und verhalfen dem Fußball zu ungeahnter Leichtigkeit.

Deutschland ist Europameister 1972: Franz Beckenbauer und Günter Netzer mit dem Pokal. Foto: IMAGO/WEREK
Deutschland ist Europameister 1972: Franz Beckenbauer und Günter Netzer mit dem Pokal. Foto: IMAGO/WEREK

Fußball ist Emotion. Und Romantik. Beides vernebelt die Sinne. Eine logische Herangehensweise ist nicht zielführend, um das Phänomen zu erklären. Eher eine Historische. Die Geschichte macht nachvollziehbar, was absurd erscheint. Die Geschichte von Gladbach gegen Bayern, der Autor Holger Jenrich das Buch "Kampf der Giganten“ gewidmet hat, geht so: Es war einmal ein King in der niederrheinischen Provinz und es war einmal ein Kaiser in einer bayerischen Metropole ...

Die Größe dieses Spiels ist eine Konsequenz einer Vergangenheit, in der es auch den Bayern wert war, Spiele gegen Gladbach als einen Höhepunkt der Saison zu erachten. Sie sind seither in einer Dimension angekommen, in der Gladbach vielleicht besser klingt als manch anderer, nicht aber einen emotionalen Schwächeanfall auslöst. Wer zur Elite des europäischen Fußballs zählt, muss nicht der alten Zeit nachhängen – auch nicht, wenn ein Konkurrent aus der Vergangenheit in der Gegenwart plötzlich aufersteht wie Phönix aus der Asche.

Die Bayern treten heute bei einem Gegner an, der sie im Hinspiel im eigenen Zuhause besiegt hat – und auf dieser Basis emporgeeilt ist aus dem Abstiegssumpf in die Höhenlagen der Liga. Und doch: Mönchengladbach ist nicht Manchester, und da Reus ein Dortmunder wird, gibt es zwar artige Lobesreden aus München für das aktuelle Modell Borussia, aber auch den Groll des Beleidigtseins, weil der BVB dem Branchenführer ein neues Spielzeug weggeschnappt hat. Die Bayern sind eben die Bayern: Sie sind eine eigene Welt, die immer noch einen Kaiser hat, während Gladbach ein paar freche Prinzen, aber keinen King hat.

Wenn Bayern kommt, dann wird die große Vergangenheit lebendig, die allgegenwärtig ist im Borussia- Park: in schwarz-weißen Fotos. Für Borussia ist Bayern wie eine Zeitmaschine, die einlädt zur Reise in jene Tage, als Gladbach die Fohlen- Elf hatte, die bezaubernden Fußball spielte. In den 1970er Jahren wechselten sich die Borussen und die Bayern fast ab, wenn es um die Meisterschale ging.

Nun schicken sich die Jetzt-Zeit- Fohlen an, selbst Geschichte zu schreiben. Und zwar eine, die mehr erzählt als nur von der Lust, dem ganz großen Frust entkommen zu sein. Es ist erlaubt, ein wenig zu träumen, doch jeder Traum in Gladbach kehrt letztlich in die Vergangenheit zurück: Es könnte wieder sein wie damals – und damals waren Borussia und Bayern die Beherrscher des deutschen Fußballs. Doch es war mehr als sportliche Konkurrenz, mehr als arm gegen reich, als David gegen Goliath. "Gladbach und Bayern stellten zwei völlig unterschiedliche ästhetische Prinzipien dar“, schreibt Helmut Böttiger in seinem Buch über Günter Netzer. Borussia und Bayern stiegen 1965 gemeinsam in die Bundesliga auf. "Es waren zwei Mannschaften, die über eine Gruppe von Ausnahmespielern verfügten, die zusammenblieben, älter und besser wurden, selbstbewusster und erfahrener“, schreibt Franz Beckenbauer in seiner Biografie "Ich – wie es wirklich war“.

"Radikalität, Reform und Utopie"

Er und Netzer personifizierten, was Bayern und Borussia unterschied: Es ging damals, als sich Deutschland politisch wandelte, um eine Weltanschauung: "Man musste sich zwischen Netzer und Beckenbauer entscheiden, zwischen Gladbach und Bayern“, heißt es bei Holger Jenrich. "Die Bayern standen für Nüchternheit, für Sachlichkeit, für Funktionalität, Borussia für Radikalität, die Reform, die Utopie.“ Borussias Spiel lud zum Träumen ein, Bayern gewann nicht hoch, aber meistens, es gab kein Sterben in Schönheit wie bei Gladbach. Bayern war pragmatisch.

Netzer, der Filou mit den wehenden Haaren da, Beckenbauer, der stets korrekte Sportsmann hier – genauso spielten sie auch Fußball. Netzer dirigierte aus der Tiefe des Raumes, seine Pässe waren der Keim der überfallartigen Angriffe Borussias. Die Bayern spielten kontrolliert – von Beckenbauer. Ein ruhiger, schematischer Aufbau von dort, wo der Libero stand, der eigentlich Spielmacher war: präzise und kühl bis ans Herz. Beckenbauer trug die 5 und entwickelte einen Job neu: eben den des Liberos.

Beckenbauer war Tradition und Emotion zugleich. Netzer hatte die 10 des klassischen Spielmachers, und er war einer: das Zentrum, um das sich alles drehte. Und er war ein Revoluzzer. Er feierte Partys mit den Filmstars Ingrid Steeger, Elke Sommer, Iris Berben und Regisseur Michael Pfleghar und stand am nächsten Tag wieder auf dem Trainingsplatz. Netzer und Beckenbauer waren Gegenentwürfe – und doch gleich: absolute Alphatiere, die zu Ikonen ihrer Zeit wurden.

Einmal jedoch kam die Kunst beider zu einem herrlichen Opus zusammen. Das war 1972 bei der Europameisterschaft. Netzer und Beckenbauer zelebrierten hier Fußball in verblüffender Leichtigkeit, das Ramba-Zamba-Spiel dieser EM, in deren Verlauf Deutschland erstmals im Londoner Wembleystadion gewann und dann im Finale Russland besiegte. Das DFB-Team von einst galt lange als das beste aller Zeiten. In der Gegenwart hat Joachim Löw ein nahezu gleichwertiges Produkt entwickelt, das sich jedoch an den Werten des Netzer-Beckenbauer-Events orientiert: Fußball muss nicht gearbeitet werden, um erfolgreich zu sein, er darf schön sein und Spaß machen. Das war die hohe Kunst, die Netzer und Beckenbauer beherrschten: Die Schönheit des Spiels mitzunehmen und mit Erfolg zu verbinden – jeder auf seine Weise. Das Volk verehrt den King und den Kaiser noch heute.

Quelle: seeg

 
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