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Jubiläum: 300 Jahre Charlottenburg: Berlins altes Herz schlägt

zuletzt aktualisiert: 23.03.2005 - 08:16

Berlin (rpo). Bis zur Wende war es das alte Herz Berlins: Charlottenburg. Weltbekannt ist der Ku'Damm, Shoppingparadies und Flaniermeile. Derzeit erlebt der Stadtteil ein Comeback, der vor 300 Jahren als eigene Stadt entstand.

Was da vor 300 Jahren auf allerhöchste Order den Namen Charlottenburg erhielt, war weder damals eine richtige Stadt, noch kann es heute diesen Titel beanspruchen. Als besonders harmonisch hatten Außenstehende die Ehe zwischen Preußens König Friedrich I. und seiner zweiten Frau nicht empfunden. Doch als Sophie Charlotte 1705 im Alter von nur 37 Jahren starb, zeigte sich der Herrscher aufrichtig betroffen. Er beschloss, der Verstorbenen ein Denkmal zu setzen und ließ deren Lustschloss Lietzenburg vor den Toren Berlins samt der angeschlossenen Siedlung umbenennen und mit Stadtrechten versehen. In der Nachbarschaft gab es noch das Dörfchen Lietzow, aber das wurde erst später eingemeindet.

Heute zählt Charlottenburg zwar rund 180.000 Einwohner und lässt keinen Zweifel an seinem städtischen Charakter aufkommen. Aber die eigenen Stadtrechte hat es 1920 wieder verloren, als die damalige Reichshauptstadt die bis dahin selbstständigen Gemeinden in ihrem Speckgürtel schluckte und sich zum Moloch "Groß-Berlin" aufschwang. Seit der Zusammenlegung mit Wilmersdorf im Jahr 2001 ist Charlottenburg nicht einmal mehr ein eigenständiger Bezirk.

Trotzdem heißt es derzeit, Charlottenburg erlebe ein Comeback, nachdem sich das Interesse von Investoren und Touristen nach der Wende auf die weniger saturierten Stadtviertel im Osten konzentriert hatte. Zumindest für den Kurfürstendamm, das Herz Charlottenburgs und der alten Frontstadt West-Berlin, trifft diese Diagnose zu.

Aigner, Bally, Bogner, Bulgari, Cartier, Hermès, Yves Saint Laurent, Louis Vuitton, Versace - es gibt kaum eine Nobelmarke, die auf dem Boulevard nicht mit einer Boutique vertreten wäre. Vor allem im unteren Teil zwischen Uhlandstraße und Olivaer Platz lacht der Luxus so freudvoll aus den Schaufenstern, als hätte Berlin keine Wirtschaftsprobleme, sondern sei eine florierende Weltmetropole.

Reiche Ausländer

Aber es sind auch gar nicht unbedingt die Berliner selbst, die hier auf Beutezug gehen, sondern vor allem reiche Ausländer: Japaner, Schweizer, Briten, Bootschaftsangehörige und immer wieder Girlies aus Russland, denen die goldenen Kreditkarte des Vaters einen scheinbar unbeschränkten Handlungsspielraum verschafft.

"Ku'damm" nennen mit den Einheimischen auch viele Touristen die Einkaufsstraße. Dass sich in dieser Abkürzung nicht nur sprachliche Ökonomie geltend macht, sondern eine tiefere historische Wahrheit, ist indessen den wenigsten bewusst. Noch um 1870 glich die 3,5 Kilometer lange Zugangsstraße zum Grunewald tatsächlich einem besseren Feldweg. Es war der Reichskanzler Otto von Bismarck persönlich, der den Ausbau zum 53 Meter breiten Boulevard vorantrieb.

Bis 1900 hatten sich bereits mehr als 100 Millionärs-Haushalte angesiedelt. Bürgerpaläste mit Kuppeln und Türmchen bezeugten Charlottenburgs Rang als zweitreichste preußische Stadt hinter Wiesbaden. Was zum Pariser Vorbild der Champs-Élysées noch fehlte, war ein optischer Fluchtpunkt. Dieser kam 1895 in Gestalt der monumentalen Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche hinzu. Die Bürger Charlottenburgs hatten das Grundstück Wilhelm II. geschenkt, der mit dem Bau seinen Großvater ehren wollte.

Kirche der Hohenzollern

Tatsächlich diente die im Stil der Spätromanik gehaltene Kirche mit ihrem 113 Meter hohen Turm, dem höchsten weit und breit, weniger der Verklärung Gottes als der Hohenzollern. Einen festen Platz im Herzen der Berliner eroberte sie erst, als der Turm durch einen Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg auf 63 Meter zurechtgestutzt wurde. So erfüllte sich auf makabre Weise ein Wunsch, den der Literat Franz Hessel 1929 formuliert hatte: "Wenn diese Kathedrale mit dem langen Namen wenigstens ein bißchen altern und zerfallen wollte."

Heute ragt neben dem Mahnmal der Gedächtniskirche samt Anbauten das 86 Meter hohe Europa-Center auf. Längst steht es selbst unter Denkmalschutz, auch wenn seine einst gefeierte Modernität sichtbar Patina angesetzt hat. 40 Jahre ist es im Frühjahr her, dass das Einkaufszentrum eingeweiht wurde - ein kleines Jubiläum im großen.

Neben der Gedächtniskirche wurden insgesamt 46 Prozent der Gebäude Charlottenburgs im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das schwer lädierte Schloss, ein Werk Johann Eosander Göthes, konnte wiederaufgebaut werden und ist nach dem Abriss des Stadtschlosses das prominenteste Beispiel für die Baulust der Hohenzollern auf Berliner Boden.

Museum Berggruen als neue Attraktion

Gegenüber, im westlichen Stülerbau, ist dem Stadtteil vor wenigen Jahren mit dem Museum Berggruen eine neue Attraktion zugewachsen. Hunderte von Werken der Klassischen Moderne von Pablo Picasso über Paul Klee bis Henri Matisse hat der Sammler Heinz Berggruen bei der Rückkehr in seine Heimatstadt mitgebracht. Mit etwas Glück kann man dem mehr als 90-jährigen Herrn im Eingangsbereich bei der Sichtung der Besuchermassen begegnen. Das im anderen Stülerbau untergebrachte Ägyptische Museum ist kürzlich Richtung Museumsinsel weitergezogen, doch wollen die Staatlichen Museen für adäquaten Ersatz sorgen.

Vom 300-jährigen Charlottenburg ist kaum etwas übrig. Als einer von wenigen Stadtführern bietet der Historiker Peter Eichhorn Spaziergänge durch das historische Viertel an. Zwar sind auf dem Weg immer wieder Schätze wie alte Stadtbäder oder restaurierte Bürgerpalais zu bewundern. Doch vom Dorf Lietzow kündet nur noch ein Straßenschild. Um die erhaltenen Zeugnisse der Urbebauung zu zählen, unscheinbare Häuschen mit anderthalb Geschossen, reichen die Finger einer Hand.

Quelle: gms

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