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Serie - Auf dem Jakobsweg (Teil 6): Angekommen in Santiago

VON JENS VOSS (TEXT) UND ANDREAS KREBS (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 07.12.2007 - 06:00

Santiago (RP). Die Pilgermesse in der Kathedrale ist wirklich eine Pilgermesse: Hunderte Rucksäcke stehen an den Wänden; die Menschen sind erschöpft und bewegt. Die Pilgertradition ist überraschend stark und lebendig. Und vor der Kathedrale herrscht buntes, pralles Leben.

Es war in der Kathedrale von Santiago in der Pilgermesse, montags um zwölf Uhr. Die Kirche war voll; an den Wänden standen Hunderte Rucksäcke; die Gesichter der Menschen in den Bankreihen waren in sich gekehrt. Man sah Erschöpfung; Tränen; auch Staunen über die Kathedrale. Und man sah, dass es vielen schwerfiel aufzustehen. Das Laufen steckten ihnen sichtlich in den Knochen. Dennoch beherrschte nicht vergangene Mühe das Bild, sondern der Zauber des Ankommens. Die Kathedrale bündelte all die Einzelwege und richtete sie noch einmal aus: erst nach vorn, dann zum Himmel. Dieses Gefühl teilte sich überwältigend klar und voller Wärme mit. Ein Moment der Fülle.

Man kann Gott auf dem Camino oft guten Tag sagen. Es gibt zahlreiche Pilgerkirchen am Wege. Trotz aller Befürchtungen, dass der Weg zunehmend zur Touristenattraktion verkommt: Die Pilger-Tradition ist stark, und das liegt auch an den vielen Kirchen. Die meisten sind klein, trutzig, wie geduckt von Zeit und Erinnerungen, manche verfallen mit Gras auf dem Dach, manche sind frisch restauriert -­ wohl eine Folge des Pilgerbooms.

Ein Gebet, bevor man die Füße von sich streckt

Im Ganzen ist es schön, an diesen kleinen Gotteshäusern vorbeizuziehen, und es ist schön, dort ein paar Minuten zu sitzen. Und vielen der Besucher ist es offenbar auch wichtig, einen Besuch gleichsam angemessen zu begehen: Sie murmeln ein Gebet, stehen kurz mit Blick auf den Altarraum, ehe sie sich setzen und die Füße von sich strecken.

Auch die Andachten unterwegs sind gut besucht -­ und sie sind anders. Verblüffend heiter. Das liegt vor allem an der babylonischen Sprachenvielfalt. Der Pfarrer von Triacastela, Augusto Losada Lopez, lässt in seinen Gottesdiensten jede Sprache zu Wort kommen, und es sind ihrer viele, auch an einem normalen Dienstag im September. Deutsch, Englisch, Polnisch, Niederländisch, Dänisch, Italienisch, Ungarisch, Griechisch, natürlich Spanisch. Die Nationen werden am Beginn jeder Andacht sortiert ­- für jede Nationalität wird ein Sprecher bestimmt, der einen kleinen Text in seiner Sprache vorträgt. Diese Phase ist voll heiterer Unruhe ­- wie in einer Schulklasse, in der Hefte ausgeteilt werden. Und man muss eine Anfangsverlegenheit überwinden: Deutsch? Ja, hier.

Um so schöner waren die Phasen der Ruhe, als etwa das Glaubensbekenntnis gesprochen wurde, wiederum in allen Sprachen. Am Ende der Andacht gab der Pfarrer jedem ein Blatt mit einer Predigt über den Camino mit, wiederum jedem in seiner Sprache ­- die letzten Worte: „Habt keine Angst vor dem Leben! Vorwärts! Christus erwartet Euch mit offenen Armen. Er will uns alle haben, um diese Welt zu verändern, wobei wir freilich bei uns selbst anfangen müssen. Es ist nie zu spät!” Daneben ein Stempel mit der Jakobsfigur der Kirche. Auch ein Pilgerbrief, schöner als der, den man sich später in Santiago abholt.

Überraschend und anrührend ist auch eine andere Erfahrung mit liturgischer Sprache: Man erkennt das Vater Unser auch in Sprachen wieder, die man nicht spricht. Der Rhythmus ist einem vertraut; einzelne Worte versteht man -­ vor allem im Spanischen: „Padre Nuestro que estás en los cielos.” Auch dies ein Moment der Fülle: wenn sich ein Gebet plötzlich über den Klang erschließt. Es ist, als würden all die Sprachen gebündelt, nach vorn ausgerichtet ­ und dann zum Himmel. Ein Vorgeschmack auf Santiago. So ist das mit einem Weltgebet.

Das Vater Unser als roter Faden

Das Vater Unser ist bald eine Art roter Faden. Es gab muntere Mitmach-Andachten wie in La Faba mit seinem idyllischen Ensemble aus Herberge und Pilgerkirche, malerisch gelegen auf einer Anhöhe am Rande des Ortes. Wieder gab es ein Sortieren der Sprachen, bis ein Weg des Verstehens gefunden war: Ein Mann übersetzte das Spanische ins Englische, weil es den meisten geläufig war. Kräftige Bilder dann: Sechs Pilger wuschen sich gegenseitig die Füße. Ein paar Bekenntnisse: Was es einem gibt, auf dem Camino unterwegs zu sein. Und das Vater Unser.

In Palas de Rei das Gegenteil: ein wirklich ehrwürdiger Pater in einem wirklich ehrwürdigen Alter; eine quasi knochentrockene Andacht; streng, ohne Nationen-Parade, ohne Symbol-Tableau -­ wer zugegen war, hatte der Liturgie im Spanischen zu folgen, punktum. Spätestens beim „Padre Nuestro que estás en los cielos” war man dann drin, angekommen in einem heiligen Haus aus Sprache.

Solche Erlebnisse sind durchaus unauffällig, leise. Es gibt natürlich allerlei Sinnsucher, die gerne und laut über ihre Erleuchtungen reden. In solchen Fällen schaltet sich meist Skepsis ein ­- so, so, Erleuchtung, ist ja interessant. Es gibt auch Leute, die sehr ernst und schlicht sagen: Ich laufe für meinen Freund, damit er gesund wird; ich laufe, weil es mir im Leben sehr gut ging ­- ich habe zu danken; ich laufe, weil ich eine Schuld einzubringen habe. Und es gibt Aha-Erlebnisse; Menschen die einen verblüffen.

So wie Stefanie, Mitte 30, die sich als Camino-Skeptikerin gab, nicht glaubte, dass sich dort Probleme lösen oder religiöse Erfahrungen machen lassen: „Ich merk‘ nix.” Eine Nüchterne, schätzte man, zielstrebig im Beruf; konfessionslos; weitgereist; urban sozialisiert; Großstadtmensch. Nach und nach stellte sich heraus: Sie war tatsächlich weitgereist; lebte tatsächlich in der Stadt, kam aber vom Land aus Gaggenau, liebte ihren Heimatort sehr und hatte jedes Mal, wenn sie von zu Hause weg war, Heimweh.

Sie war katholisch, und dies hatte für sie tief mit ihrer Familie zu tun. Austreten aus der Kirche? Niemals, das käme einem Bruch mit Vater und Mutter gleich. Und wenn sie Heimweh hatte auf dem Camino, ging sie in die nächste Kirche. Heimat atmen. Das alles fand sich bei ihr nur in Nebensätzen; die religiösen Bezüge in ihrem Leben waren so selbstverständlich, dass sie das alles nicht erwähnenswert fand. Sie musste Gott nicht suchen; sie kannte von Kindesbeinen an seine Adresse.

Das ist vielleicht das Schönste auf dem Camino: Man sammelt Stillleben von Menschen. Auf dem Jakobsweg werden einem solche Skizzen wie nebenbei in die Erinnerung eingezeichnet; man betrachtet sie dann und wann und staunt ein wenig: wie man sich irren kann. Vielleicht wird man so ja Zug um Zug ein wenig weicher, behutsamer.

Zeit und Seele sind gedehnt

Am Ende hat man keine spektakulären Erweckungen, sondern ein paar Nerven-Enden mehr freigelegt, die offen sind für Menschen, offen für Gott. Das alles geht langsam, still, so wie man auf dem Jakobsweg mal wieder langsam eine Landschaft, eine Stadt passiert und Dinge sieht, die man im Auto schon lange nicht mehr gesehen hat. Die Zeit ist gedehnt, die Seele ist es auch.

Wenn man so gestimmt in Santiago ankommt, flutet die heitere Atmosphäre auf dem Platz vor der Kathedrale sofort das Herz. Ein buntes Bild: Liebespaare, knipsende Touristen; Pilger, allerlei schräge, zuweilen schrille Typen, dazwischen Großväter mit ihren Enkeln beim Tauben füttern. Und immer wieder Gefährten, die man auf dem Weg kennen gelernt hat. Überall Gelassenheit von Ankömmlingen, die am Ziel sind. In Santiago findet man sich und, was schöner ist, man wird gefunden. Das ist am Ende eines Weges ein seltenes Glück.

Das war der letzte Teil unserer Serie. Am Samstag lesen Sie hier "Von Dirnen und Pilgern - Zur Historie des Jakobswegs".


 
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