Größte Tempelanlage der Welt: Angkor Wat wird zum Vergnügungspark
VON STEFANIE BISPING - zuletzt aktualisiert: 04.07.2010 - 09:59Düsseldorf (RP). Die weltweit größte Tempelanlage hat Jahrhunderte und die Roten Khmer überdauert. Nun soll sie zum Vergnügungspark ausgebaut werden, um noch mehr Touristen nach Kambodscha zu holen.
Eine Herde Kühe grast vor dem Osttor Angkor Wats. Libellen tanzen in der Luft. Es ist ein friedliches Bild, und im Schatten der Bäume ist sogar die Hitze erträglich. Außer ein paar Männern, die vor dem Tor mit der Sense Gras mähen, ist kein Mensch zu sehen. Vom Tor selbst öffnet sich der Blick auf die fünf Türme der größten Tempelanlage der Welt: Steingewordene Ewigkeit und der Beweis dafür, dass Menschen Bauten schaffen können, die nicht nur die Zeit überdauern, sondern auch alle irdischen Plagen.
Den Zauber Angkors, der sich auf der dem Besucherstrom umgekehrten Route vom Osttor zum Haupteingang in relativer Ruhe erleben lässt, teilt man indessen schon bald darauf mit Busladungen von anderen Besuchern. Seit Horden der Roten Khmer während des Bürgerkriegs dort campierten, nebenbei jede Menge Buddhas köpften und ihre Namen zusammen mit dem Slogan „Befreier der Kasten“ ins knapp 1000-jährige Mauerwerk ritzten, scheint nicht nur Kambodscha in eine Art Zeitbeschleuniger geraten zu sein. Auch der Tourismus hat sich seit 1998 mit Lichtgeschwindigkeit entwickelt.
Alles ist sauber geputzt
Wie vor 1970, als die Reisenden aus dem Land flohen, konzentrieren sich alle Bemühungen auf die Tempelruinen. Heute ist Angkor Wat als Herzstück des alten Khmer-Königreichs, das sich über 350 Quadratkilometer Fläche erstreckte und 1432 aufgegeben wurde, Stolz und Hauptattraktion des Landes. Seine Restaurierung ist so weit fortgeschritten, dass die Anlage stellenweise fast zu gründlich gefegt wirkt – schließlich ist der Mythos der vom Dschungel überwucherten Tempel Teil der Magie, die sich zumal für Europäer mit dem Namen Angkor verbindet. In den Tempeln von Ta Prohm, die im Klammergriff des tropischen Urwalds belassen wurden, ist dieser Zauber noch spürbar.
Angkor Wat muss indessen nach wuchernder Vegetation, extremer Luftfeuchtigkeit und Krieg nun auch die Auswüchse des Tourismus erdulden. Ob Rockkonzert, Fernsehshow oder Wasserthemenpark, der in der Nähe des Tempels entstehen soll – einen Verlust von Atmosphäre und Authentizität scheint man nicht zu fürchten. Das koreanische Unternehmen Sou Ching Electronic Co Ltd. hat das allabendliche „Angkor Wat Night Festival“ mit Musik und Lichtshow erfolgreich etabliert, mit dem Segen von Kulturministerium und Unesco. Zur Tanzvorführung mit 250 Akteuren können sich die Besucher dabei ein „Khmer-Dinner“ servieren lassen. Das Spektakel soll die Zuschauer 900 Jahre zurückversetzen.
Beleuchtung schädigt Bausubstanz
Vorläufiger Höhepunkt der Bestrebungen, den Tempel in einen Vergnügungspark zu verwandeln, sind 3000 Lampen, die für nächtliche Besichtigungen fest in den Mauern installiert wurden. Obwohl Licht gemeinhin als so schädlich angesehen wird, dass Fremdenführer bei der Erläuterung der Friese, die wie ein plastischer Comic-Strip vom Alltag in Angkor erzählen, keine Taschenlampen benutzen dürfen. Das tropische Klima konnte der Bausubstanz in den vergangenen 900 Jahren vergleichsweise wenig anhaben. Die relative Kühle und die Dunkelheit der Nacht ließen dem Stein Zeit zur Regeneration. Die fällt nun erheblich kürzer aus.
Mitarbeiter der Firma Sou Ching sollen gar Löcher in die knapp 1000-jährigen Mauern geschlagen haben, um die Lampen zu platzieren. Allerdings beteuert man geflissentlich, dass die Strahler in bereits vorhandene Hohlräume gesetzt würden. Dennoch können Besucher in der „Galerie der 1000 Buddhas“ über jeder Säule Löcher sehen, von der Guide Chan Prom glaubt, sie nie zuvor bemerkt zu haben: „Für alte Lücken sind die Abstände schlicht zu präzise.“
Schon vor dem „Angkor Wat Night Festival“ hatten die Südkoreaner die Anlage in Licht getaucht, zunächst allerdings nur mit am Boden liegenden Scheinwerfern. Zudem erwies es sich als sehr zeitintensiv, die Beleuchtungsanlage allabendlich um 23 Uhr wieder einzupacken.
Das neue Konzept soll effizienter sein, die nächtlichen Touren im Sommer ebenso wie das Festival im Winter helfen, den Tourismus anzukurbeln. Etwa 32 Millionen US-Dollar spielt Angkor Wat jedes Jahr an Eintrittsgeldern ein.
Infos Kambodscha
Anreise Die meisten Verbindungen nach Siem Reap führen über Vietnam, z.B. mit Vietnam Airlines ab Frankfurt über Saigon; Spezialpreis ab 699 Euro; in der Hochsaison ab 911 Euro inklusive Gebühren. Anschlussflug ab 67 Euro (www.vietnam-air.de).
Einreise Der Reisepass muss mindestens noch sechs Monate gültig sein. Das Visum ist bei der Botschaft (www.kambodscha-botschaft.de) oder bei der Einreise am Flughafen erhältlich (20 US-Dollar).
Reisezeit Das Klima ist ganzjährig tropisch heiß. Die Regenzeit von Mai bis November bringt außer kräftigen Güssen auch üppige Vegetation hervor. Während der Trockenzeit von November bis März ist Hochsaison.
Unterkunft Schönstes koloniales Flair verströmt das zehn Minuten von Angkor Wat gelegene Victoria Angkor Resort & Spa, dessen 130 Zimmer sich um einen luftigen, mehrstöckigen Patio gruppieren (Tel. 855 63 760 428, Fax 855 63 760 350, www.victoriahotels.asia , DZ ab 150 $).
Tempelbesuche Diese Preise sind das einzige, was in Siem Reap nicht verhandelbar ist. Der Pass für einen Tag kostet 20 $, der für zwei Tage 40, der für sieben Tage 60 $. Nächtliche Touren: Die Touren kosten mit Dinner 45 $ pro Person, nächtliche Besichtigungen (19 bis 23 Uhr) ohne Show und Essen 15 $. www.angkorwatnighttours.com
Pauschal Eine zehntägige Rundreise durch Kambodscha bietet z.B. Ikarus Tours an; Preis ab 2390 Euro pro Person (www.ikarus.com).
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