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Mit dem Mietwagen durch die Wüste: Botswana - der Schrei der Kalahari

VON OLAF STEINACKER - zuletzt aktualisiert: 10.06.2003 - 11:33

Ob es hier gefährlich ist? Charles wundert sich ein bisschen über die Frage. "Natürlich müsst ihr aufpassen", erklärt er grinsend, "aber wenn ihr die Tiere in Ruhe lasst, dann habt ihr keine Probleme." Charles ist Wildhüter im Central Kalahari Game Reserve, Botswanas größtem Tierreservat. "Manchmal kommen Löwen bis dicht an die Zelte. Ihr könnt sie fast atmen hören." Charles freut sich, dass er den Touristen einen Schrecken eingejagt hat. "Keine Sorge, in eurem Wagen seid ihr sicher."

Die Wildhüterstation Xade ist der südliche Eingang zum Tierreservat. Ein paar Hütten inmitten des Nirgendwo. Soweit das Auge reicht ist nichts als trockenes Grasland mit ein paar einzelnen Bäumen zu sehen. Massentourismus gibt es in der Kalahari nicht. Wer sich die einzigartige Landschaft anschauen will, ist als Individualtourist oder in kleinen Safari-Gruppen unterwegs. Drei Stunden dauert die Fahrt von Ghanzi aus, einem staubigen Städtchen mit knapp 6000 Einwohnern am Rande der Halbwüste. Drei Stunden über eine schwer zu befahrene Sandpiste mit knietiefen Schlaglöchern.

Das Wildhütercamp sieht verwegen aus: Überall liegen leere Benzinfässer, Wildhüter reparieren ihre Ausrüstung oder dösen im Schatten von Hütten. Die Sonne brennt mörderisch heiß, 35 Grad im Schatten, irgendwo knistert ein Funkgerät. Zehn Männer schieben hier Dienst.

"Hauptsächlich passen wir auf, dass keine Buschleute ins Reservat kommen", berichtet Charles. "Sie wollen einfach nicht verstehen, dass sie hier nicht mehr jagen dürfen." Hin und wieder schlichen sich einige von ihnen ein, um mit Pfeil und Bogen ein Stück Wild zu jagen. "Die meisten erwischen wir und bringen sie zurück in ihr Dorf", sagt Charles.

Spuren von Raubkatzen

Wie tierreich die Gegend ist, merkt man, sobald man das Camp verlässt. Auf dem Weg sind Spuren von Raubkatzen zu sehen. Im Gras weiden Antilopen und Kudus. Auf dem rund 52000 Quadratkilometer großen Gebiet - anderthalb mal so groß wie Belgien - gibt es nichts außer unberührter Natur. Als einzige Orientierung dienen grüne Holzschilder und ausgefahrene Reifenspuren auf der Piste. Zaghafte Fahrer stecken nach wenigen Metern im Tiefsand. Wer dort eine Panne hat, ist auf sich selbst angewiesen oder muss warten, bis er von anderen Touristen oder Wildhütern gefunden wird. Das kann schon mal drei Tage dauern, hat Charles erzählt.

Von Xade aus geht die Fahrt über die Piper Pans ins Letiahau Valley im Nordosten des Reservats. Mit dem Geländewagen dauert die Fahrt fast einen Tag. Immer wieder wird gestoppt. Eine Antilopenherde marschiert über die Piste, 100 Meter weiter kämpfen zwei Giraffenbullen um ein Weibchen. Mit Wucht schlagen sie sich ihre buschigen Hörner in die Flanken. Plötzlich herrscht Bewegung in der Savanne. Ein schwarzmähniger Kalahari-Löwe schleicht durchs Dornengebüsch. Eine Herde Elenantilopen stürmt am Wagen vorbei. Doch der Raubkatze ist nicht nach jagen zumute - gelangweilt schaut sie der fliehenden Herde nach.

Nach vier Stunden holpriger Fahrt sind von einer kleinen Anhöhe aus die Piper Pans zu sehen. Eine riesige Fläche aus Sand, Staub und Salz, die in der Mittagshitze flimmert. So still wie jetzt ist es in der Halbwüste nur selten. Nur ein paar Grillen zirpen.

Schlafen auf dem Autodach

Die Kalahari erwacht wieder kurz vor der Dämmerung. Langsam ist es kühler geworden, der Weg nach Letiahau nach drei Stunden geschafft. Antilopenherden, Streifengnus und Zebras ziehen zu einem künstlich angelegten Wasserloch in der Nähe des Campingplatzes. Hyänen heulen in der Ferne, und das Piepsen von Tausenden Erdmännchen liefert die Hintergrundmelodie. Der Campingplatz ist nicht mehr als eine alte Feuerstelle auf einem kleinen Hügel. Toiletten, Wasser oder gar Strom? Fehlanzeige. Übernachtet wird auf dem Auto in einem Dachzelt oder auf dem Boden. Rund um das kleine Lager knackt es in den Büschen, aus denen neugierig kleine Köpfe schauen. Eine Gruppe Meerkatzen ist auf der Suche nach Nahrung.

Als sich die Nacht über die Buschsavanne legt, wird es aufregender. Noch ist die Luft ein bisschen warm vom Tag, und am Himmel ist die Milchstraße mit bloßem Auge zu erkennen. Fast silbern scheint die Savanne zu leuchten. Die letzte Verbindung zur Zivilisation ist das Autoradio des Geländewagens: Um 20 Uhr meldet sich "voice of america" mit Weltnachrichten. Und plötzlich schreit die Kalahari. Ein Löwe brüllt, es klingt so nah, als stünde er hinter dem Zelt.

Mindestens drei Tage muss man einplanen, um das Reservat in Süd-Nord-Richtung zu durchqueren. Kurz vor Sonnenaufgang geht es weiter in Richtung Norden in das Deception Valley. Der frühe Morgen ist die beste Zeit für einen Game Drive. So nennen die Wildhüter eine Fahrt an die Wasserlöcher, um Tiere zu beobachten. Denn bevor es richtig heiß wird, machen sich Antilopen und Zebras auf, um sich vor der Tageshitze noch einmal satt zu saufen. Gelegentlich sind Giraffen zu sehen und scheue afrikanische Wildhunde. Das langgezogene ausgetrocknete Flussbett im Deception Valley ist mit fruchtbarem Grasland bewachsen, ein Paradies für Springböcke, Spießböcke und Löwen. Wer Glück hat, sieht sogar einen scheuen Geparden.

Erbärmliche Lebensbedingungen

Das Central Kalahari Game Reserve gehört nicht nur zu den größten Tierreservaten der Welt, sondern auch zu den einsamsten. Das hat vor allem zwei Gründe. Als das Gelände 1961 zu einem Naturreservat gemacht wurde, wurden die Ureinwohner umgesiedelt. Die San, von den burischen Eroberern auch Buschmänner genannt, wurden ohne viel Federlesens aus ihrem Stammesgebiet vertrieben. Heute leben die Nomaden der Kalahari in erbärmlichen Verhältnissen in Siedlungen am Rande des Reservats.

Der zweite Grund ist die Tourismuspolitik Botswanas. Gerade einmal 45 Prozent aller touristischen Kapazitäten werden genutzt. Der Eintritt in die Reservate und Nationalparks in Botswana ist streng reglementiert. Entsprechend teuer (rund 30 Euro pro Person) und rar sind die Besuchsgenehmigungen. Sie müssen Monate im Voraus bestellt und bezahlt werden. Hinzu kommt der eigentliche Eintritt in die Parks. Der ist mit 20 Euro pro Person und Tag nicht gerade billig. Die Übernachtungen werden ebenfalls mit 20 Euro in Rechnung gestellt.

Dafür kann man eines der letzten Tierparadiese Afrika hautnah erleben. Und wer nach drei Tagen in der Wildnis bei Matswere das Reservat verlässt, kann sich ein bisschen wie ein Entdecker fühlen. Das Wildhütercamp ist der nördliche Ausgang des Reservats. Auch dort sieht es auf den ersten Blick nicht sehr einladend aus. Immerhin: Es gibt Toiletten und fließend Wasser. Wer die Rancher nett bittet, darf sogar ihre Duschen benutzen. Das Wasser ist eiskalt. "Und, habt ihr Löwen atmen gehört, fragt einer von Charles Kollegen. "Oder den Schrei der Kalahari?"


 
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