Relaxtes Leben: Byron Bay - In Australien der Sonne entgegen
zuletzt aktualisiert: 11.04.2006 - 08:45Byron Bay (rpo). Nichts für Morgenmuffel ist eine Reise zum Leuchtturm von Byron Bay in New South Wales in Australien. Denn wer dorthin kommt, sollte Frühaufsteher sein, um ein grandioses Schauspiel nicht zu verpassen: Den Sonnenaufgang. Gegen sechs Uhr in der Frühe zeigt sich die Sonne am östlichsten Punkt des Kontinents. Und wer dabei gewesen ist, darf von sich behaupten, als erster die Sonnen gesehen zu haben.
Das außergewöhnliche Erlebnis in aller Herrgottsfrühe sorgt aber nicht alleine dafür, dass jährlich zwei Millionen Touristen in die Region Northern Rivers an der Grenze zu Queensland reisen; 200.000 davon kommen aus dem Ausland. Byron Bay und seine Nachbarn locken mit sportlichen Herausforderungen und stillen Buchten, einem sehr grünen Hinterland voller Nationalparks und nicht zuletzt mit einem relaxten Lebensgefühl. Die Region gilt als Hochburg einer Alternativkultur, zu der viel Esoterik und der Kampf gegen die Welt des Kommerzes gehören.
Außerdem scheint in Byron Bay oft die Sonne: Die Northern Rivers liegen im Übergang zwischen Tropen und kühleren Breiten und sind ein Ganzjahresziel – in Australien gilt das längst nicht für jeden Ort. Da wundert es kaum, dass Byron Bay zuallererst aufgeführt wurde, als die Zeitung "The Australian" im Februar die zehn Kommunen des Kontinents benannte, in die sich ein Umzug am meisten lohnen würde.
Gelbroter Feuerball aus den Fluten
Die Uhr zeigt inzwischen 6.04 Uhr - fünf Minuten bis zu dem Moment, auf den alle warten. Noch ist die Sonne nicht da, aber die Wolken über dem Leuchtturm reflektieren bereits ihr Licht. Es wird nicht viel geredet, ein Mann in Shorts und Badelatschen zieht genüsslich an der ersten Zigarette des Tages.
Und dann halten wie auf Kommando zehn junge Leute gleichzeitig ihre Digicams auf Augenhöhe, denn nun taucht er auf aus den Fluten: der gelbrote Feuerball. Schon kurz darauf interessiert er aber nur noch wenig, denn einer der Frühaufsteher hat Delfine nahe der Küste entdeckt. Auch die Schweizer Backpacker, die am Fuß des Leuchtturms Brote schmieren, stürzen zum Rand der Aussichtsplattform.
Bis in die siebziger Jahre war Byron Bay eine typisch australische Kleinstadt. In Farmen und Schlachthöfen verdienten die Männer ihr Geld. Dann kam der Tourismus - und entwickelte sich ganz anders als an der 100 Kilometer weiter nördlich gelegenen Gold Coast in Queensland, wo ein Hochhaus neben dem anderen für die Urlauber gebaut wurde. "Hier wird es nie so werden wie an der Gold Coast", ist die Hotelmanagerin Sarah Johnston aus Byron Bay überzeugt: "Die Leute hier denken grün, sie wählen so und handeln auch entsprechend."
Beliebt bei Backpackern
Auch deshalb ist Byron Bay so beliebt bei den Backpackern, die mit Bullis, alten Kombis, Reisebussen oder per Anhalter an der Ostküste unterwegs sind. Wenn mittags ein Überlandbus in den Ort rollt, stehen die Werber für billige Unterkünfte und Ausflüge schon Schlange an der Haltestelle. Oft heißt es jedoch für Neuankömmlinge als erstes: ab an den Strand. Der Main Beach liegt nur ein paar Schritte vom Ortskern entfernt. Kinder spielen im Sand oder lassen die Pazifikwellen gegen ihre Beine klatschen. Unter den hohen Bäumen an der Promenade dösen derweil Urlauber, die den Schlaf nachholen, den Partys und Pubs in der Nacht zuvor verhindert haben.
Wer ausgeruht ist und den Tag lieber mit Aktivitäten verbringt, muss teils tief in die Tasche greifen: 145 Dollar (87 Euro) kostet zum Beispiel ein halbstündiger Tandemflug mit einem Gleitschirm über dem Tallow Beach. Dafür gibt es aber fantastische Ausblicke auf den Kilometer langen Sandstrand, die Surfer und den 1901 gebauten, 118 Meter über dem Meer stehenden Leuchtturm. 50 Kilometer weit auf dem Meer ist Australiens stärkstes Leuchtfeuer nachts zu sehen. Die Optik mit den Spiegeln dreht sich auch tagsüber - stünde sie still, würde sie durch den starken Brennglaseffekt rasch Buschbrände in den Hügeln im Hinterland von Byron Bay auslösen.
Mit dem Kajak zu den Delphinen
Solche Einzelheiten erfährt, wer mit John "Planko" Plankovich und seinem Kumpel "Greeny" zum 60 Dollar (36 Euro) teuren "Kajak fahren zu den Delfinen" aufbricht. In offenen Booten paddeln die Teilnehmer vom Strand aus los und müssen erstmal durch die starke Brandung – T-Shirt und Hose sind schon nach den ersten Metern nass. Manchmal verwandelt "Planko" das Zweierkajak in ein Surfbrett, setzt sich im richtigen Moment auf den Kamm einer Welle und lässt sich und den Gast auf die Küste zutreiben. Delfine sind nicht immer zu sehen, Spaß macht der Ausflug aber auch dann.
Wem das zu abenteuerlich ist, der findet ruhigere Alternativen gleich nebenan – zum Beispiel das Broken Head Nature Reserve, das von einem Parkplatz im Süden Byron Bays aus erreichbar ist. Schmale Pfade führen durch den Küstenregenwald, nach ein paar hundert Metern geht es nur weiter, indem über die glatten Felsen am Wasser geklettert wird. Der Lohn für die Mühen sind einsame Buchten wie Kings Beach und Brays Beach. Wer hier im Schatten der Bäume sein Handtuch ausbreitet, darf sich denken: "Diese Bucht gehört jetzt mir allein."
Nationalparks im Hinterland
Wer im Trubel der Backpacker-Aktivitäten nach Einsamkeit sucht, hat jedoch auch andere Möglichkeiten – zum Beispiel eine Fahrt in die Nationalparks im Hinterland der Küste. Lohnend ist zum Beispiel ein Ausflug in den Nightcap Nationalpark, wo sich die Minyon Falls rund 100 Meter tief in eine Schlucht stürzen. Wie stark die Region auch landwirtschaftlich genutzt wird, zeigt der kleine Ort Dunoon, der sich stolz "Macadamia-Hauptstadt Australiens" nennt. Die Plantagen mit den Nusssträuchern dehnen sich hier aus, so weit das Auge reicht.
Besucher, die von der Alternativ-Szene Australiens in Byron Bay noch zu wenig gespürt haben, müssen auf jeden Fall weiter fahren nach Nimbin - ein kleiner Ort zwischen grünen Hügeln, der seit dem 1973 hier veranstalteten "Aquarius-Festival" sein Image als Aussteigerdorf kultiviert. Hippieveteranen mit langen Bärten und abgewetzten Hosen, barfuß laufende Kinder mit Rastalocken, Frauen in Batikröcken mit langen, verfilzten Haaren – das sind die Menschen, die in Nimbin das Ortsbild beherrschen. Die Geschäfte verkaufen Duftkerzen, Massageöle und Second-Hand-Kleidung, mehrmals am Tag stoppen Kleinbusse mit Backpackern aus Byron Bay, die Nimbin-Tagesausflüge gebucht haben.
Hanf-Botschaft
Ein kleines, chaotisches Museum erinnert in Nimbin an die Anfänge der Alternativbewegung, gleich gegenüber setzen sich die Betreiber der "Hemp Embassy" ("Hanf-Botschaft") für die Freigabe von Haschisch ein, mit einem acht Meter langen Joint aus Stoff über der Ladentheke.
Buchstäblich zu den Höhepunkten eines Aufenthalts in der Region Northern Rivers gehört eine Besteigung des 1156 Meter hohen Mount Warning. Der Rest eines einst gewaltigen Vulkans erhielt seinen Namen 1770 vom britischen Entdecker James Cook, der den Berg als Warnung vor den Riffen an der Küste verstand. Die Erstbesteigung im Jahr 1868 dauerte noch dreieinhalb Tage, heutige Touristen schaffen den 4,4 Kilometer langen Weg vom Parkplatz zum Gipfel in etwa zwei Stunden.
Ein schmaler, langsam ansteigender Pfad führt lange durch dichten Regenwald, ehe es 60 Höhenmeter unter dem Gipfel plötzlich sehr steil wird: Ohne die im Fels verankerte Eisenkette zum Festhalten wäre hier für die meisten Wanderer wohl Endstation. Ganz oben reicht der Blick bis zum Meer, falls der Berg nicht mal wieder den Wolkenfänger gibt.
Passende Erholung
Nach so viel sportlicher Anstrengung bietet Byron Bay am Abend die passende Erholung. Die Kneipen sind voll, im "Beach Hotel" wird in der von Bierdunst durchwaberten Luft zu Rockmusik getanzt. Jongleure zeigen auf der Straße ihre Künste, junge Frauen lassen sich ein paar Schritte weiter die Oberarme mit Henna-Tattoos verzieren. An der Promenade hat jemand eine Gitarre ausgepackt, vor den in Strandnähe geparkten VW-Bullis und Kombis der Backpacker laufen die Gaskocher auf Hochtouren: Nudeln mit Tomatensauce gibt es hier fast überall.
Es ist 18 Uhr, die Sonne geht bald unter. Am Wasser sind noch viele Spaziergänger unterwegs, Kinder spielen in der Brandung, der Leuchtturm sendet seine Signale aufs Meer. In einem Bulli mit offener Heckklappe dösen im warmen Abendlicht eine junge Frau im Bikini und ihr Freund in Boxershorts. Sie schlafen auf Vorrat, vielleicht für eine lange Partynacht - vielleicht aber auch, um am Tag darauf sagen zu können: "Wir haben als erste in Australien die Sonne gesehen."
Info
Ziel: Byron Bay ist der östlichste Ort auf dem australischen Festland und liegt im Norden des Staates New South Wales am Pazifik.
Anreise und Formalitäten: Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Brisbane etwa zwei Autostunden (175 Kilometer) weiter nördlich. Dorthin fliegen mehrere Fluggesellschaften von Europa aus, mit Umsteigen in Asien. Näher an Byron Bay liegen die Flughäfen Gold Coast bei Tweed Heads und Ballina. Die australische Qantas und der Billigflieger Jetstar verbinden sie täglich unter anderem mit Sydney. Das für Australien benötigte elektronische Visum wird in der Regel beim Ticketkauf im Reisebüro beantragt. Reisepass nicht vergessen.
Zeitverschiebung: Je nach Jahreszeit acht bis zehn Stunden voraus.
Unterkunft: Vom Schlafsaal für die vielen Rucksacktouristen bis zum Luxushotel ist alles vorhanden. Die Zahl der Unterkünfte in Byron Bay und Umgebung beträgt nach Angaben von Tourism New South Wales rund 1800. Sie soll in den kommenden Jahren etwa verdoppelt werden.
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