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Ski-Ort der Superlative: Champagner-Klima in St. Moritz

VON DAGMAR HAAS-PILWAT - zuletzt aktualisiert: 13.02.2012 - 11:44

St. Moritz (RP). In 75 Sekunden ist alles vorbei. Eingeklemmt zwischen Pilot und Bremser rauscht man im Vierer-Bob durch die Geraden, Kurven und Steilwände, vorbei am "Horse Shoe" (Hufeisen) und zur Krönung mit einem Spitzentempo von 135 Kilometer pro Stunde durch die gefürchtete "Sunny Corner" (Sonnen-Ecke). Der enge Wagen gibt jede Rille, jede Unebenheit ungefedert weiter. Der Atem stockt, das Adrenalin schießt in die Höhe, unfassbar das Spektakel im Eiskanal.

Was als Königsdisziplin mutiger Profis gilt, wagen immer öfter Normal-Sportliche. Und das auf der ältesten Bobbahn und der einzigen Natureisbahn der Welt. Wo sonst die gestählten Athleten furchtlos durch den jedes Jahr von den besten Bahnbauern neu geschaffenen Olympia-Bobrun in St. Moritz-Celerina donnern, kann jeder eine solche Taxi-Bob-Fahrt für 250 Franken (umgerechnet rund 207 Euro) buchen. Vorausgesetzt, er fühlt sich fit genug für die rasante Fahrt.

Im Preis enthalten sind ein Diplom als Erinnerung und ein Gläschen Prosecco in der berühmten Dracula-Bar. Dort hängen überall Karikaturen und Zeichnungen der Reichen und Schönen, die es dort einst mit Gunter Sachs haben krachen lassen. Sachs, der 1969 an seinem Hochzeitstag mit Mirja Larsson sogar im Bob durch die Straßen des legendären Skiortes geschoben wurde, war es auch, der mit seinen Partys und VIP-Freunden den Jetset-Ruf von St. Moritz gefestigt hat. Dem im vergangenen Jahr gestorbenen Playboy zu Ehren wurde der Platz um den "Dracula Club" in "Plaza Gunter Sachs" benannt.

Info

Anreise Mit dem Auto sind es von Düsseldorf aus über Köln, Wiesbaden, Heidelberg, Stuttgart, Ulm, Bregenz und Vaduz rund 785 Kilometer. Fahrtzeit: ca. sieben Stunden.

Unterkunft Fünf Hotels mit fünf Sternen stehen allein in St. Moritz zur Auswahl. So kostet z.B. eine Übernachtung für zwei Personen im Doppelzimmer inkl. HP im Kulm Hotel, St. Moritz 555 Franken (ca. 460 Euro; www.kulmhotel-stmoritz.ch ). Im benachbarten Pontresina in dem für 75 Millionen Franken renovierten Grand Hotel Kronenhof kostet das DZ inkl. HP ab 530 Franken (www.kronenhof.com).

Teure Sportwagen, Kaviar- und Champagner-Partys, reiche Herren mit schönen Damen und Ski-Lehrerinnen in Prada-, Tom-Ford- oder Chanel-Jacken – St. Moritz erfüllt seit seinem Aufstieg zum noblen Wintersportort vor mehr als 150 Jahren nach wie vor als Bühne der Eitelkeiten alle Klischees einer internationalen Jetset-Hochburg. Doch unabhängig vom Schaulaufen der High Society gilt der Ort im Oberengadin für viele tatsächlich deshalb als "Top of the World", weil er ohne Zweifel eines der schönsten Wintersportgebiete der Welt ist.

In St. Moritz wird in jeder Hinsicht in Superlativen gedacht: Mächtige Bergmassive fassen das 57 Kilometer lange Hochtal auf der Südseite der Graubündner Alpen ein. Diese Kombination von Weite und spektakulären Gipfeln wie dem 4049 Meter hohen Piz Bernina ist so außergewöhnlich wie das trocken-kalte, aber sonnige Klima.

Italien ist nur einen Katzensprung entfernt. Das beschert dem auf 1800 Meter Höhe gelegenen Kurbad durchschnittlich 322 Sonnentage im Jahr. Und wer auf einem der beiden rund 3000 Meter hohen Hausberge Corviglia und Corvatsch oberhalb der Baumgrenze steht, hält die Luft an: Der Blick in den sogenannten "Festsaal der Alpen" – Piz Bernina, Piz Palü, Monte Rosa und Matterhorn – ist einfach atemberaubend. Die Natur selbst ist hier der größte Luxus, und der ist so gar nicht dekadent.

Die Landschaft des Engadins und die mit Schweizer Präzision und von modernsten Liften erschlossenen Pisten sind wahrlich Grund genug, ins mondäne St. Moritz zu kommen. Aber die Spitze des Eisbergs ist eben dieser Mix aus Champagner-Klima, weißen Pelzmützen, die in keinem anderen Skiort so üppig sind, der Via Serlas, dem Rodeo Drive des Engadins, wo sich alle internationalen Luxuslabels versammeln.

Nirgendwo tummeln sich so viele Reiche wie in dieser 5200 Einwohner zählenden Gemeinde. Die lassen sich mit dem Helikopter auf der Piste absetzen, weil man nicht am Lift anstehen mag. Die treffen sich am liebsten auf der Gourmet-Ski-Hütte von Reto Mathis in 2500 Meter Höhe zum Kaviar am Pistenrand und auf eine Trüffelpizza. Oder im "El Paradiso" am Suvretta-Hügel, wo es laut "New York Times" die beste Crème-Schnitte der Welt gibt. Dieses Jahr trübt jedoch der starke Schweizer Franken ein wenig die Laune der Hoteliers. Und ausgerechnet in dieser Saison fiel auch noch erstmals in der Geschichte des "World Cup on Snow" das Poloturnier aus. Das Eis auf dem Moritzersee war aufgrund der zu lange währenden milden Temperaturen nicht dick genug.

Bleiben aber deshalb etwa die Gäste aus? Diskret, ganz nach bekannter Schweizer Art, mag man darüber nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Und was für ein Glück! Auf die Russen ist ja Verlass. Sie reisen gern im großen Clan an, sie haben die Spendierhosen an und mieten sich zwei Wochen lang in den Fünf-Sterne-Häusern ein. Allein St. Moritz zählt fünf solcher Luxushotels, darunter das Kulm und das Badrutt's Palace. Im ganzen Tal sind es insgesamt sogar acht.

Seit letzter Woche sind sie alle ausgebucht: Zum Glück hatte der Wettergott ein Einsehen, und die drei Rennsonntage des White Turfs laufen planmäßig. Nur bei diesem Winter-Event der Spitzenklasse laufen Vollblutrennpferde mit Skifahrern im Schlepptau um die Wette. "Wenn die edlen Rassepferde aus ganz Europa mit ihren Jockeys über die weiße Rennbahn laufen, ist die Stimmung auf dem Siedepunkt", sagt Dominique Nicolas Godat, seit mehr als einem Jahrzehnt Direktor des Kulm Hotels.

Das Kulm ist das erste Haus, das überhaupt in St. Moritz eröffnet wurde – und zwar 1858. Damals lockte der Hotelier Johannes Badrutt auch die ersten Touristen, Engländer mit Pferden und Kutschen, über die Alpen. Und er wettete mit seinen britischen Sommergästen, dass es im Winter in St. Moritz noch viel schöner sei. Sollten sie nicht zufrieden sein, erstatte er ihnen die Reisekosten. Noch skeptisch reisten die Ersten zu Weihnachten an. Sie blieben bis Ostern und berichteten in der Heimat überschwänglich vom Engadiner Wintermärchen.

Danach gab es kein Halten mehr. Der Jetset eroberte das Tal. Doch bis heute ist und bleibt die Natur die Hauptdarstellerin.

Quelle: RP/chk


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