Von Moskau nach Peking: Der Mythos Transsib
VON DAGMAR KAPPE - zuletzt aktualisiert: 19.09.2009 - 00:01Düsseldorf (RPO). Im "Zarengold" von Moskau nach Peking erfüllen sich Reisende ihren Traum, eine der faszinierendsten Bahnrouten der Welt zu erleben. Der Zug tuckert Richtung Uralgebirge, durch die Taiga und in die Mongolei. Endstation nach 16 Tagen ist Peking.
Das Transsib-Abenteuer beginnt am Kasaner Bahnhof in Moskau. "Poesda N 974" (Zugnummer 974) Moskau-Erlian steht auf der elektronischen Anzeigetafel. Galina und Nelli, die beiden "Provodnikas" (Zugbegleiterinnen), erwarten ihre Gäste vor Waggon Nummer 12 auf Bahnsteig 7.
Das Abteil ist eng: zwei dunkelgrün bezogene Sitzbänke, die abends in Betten verwandelt werden, dazwischen ein kleiner Klapptisch unterhalb des Fensters. An den beiden Wagenenden befindet sich jeweils eine Toilette, 18 Reisende teilen sich eine geräumige Dusche. Klingt unhygienisch. Ist es aber nicht. Die Schaffnerinnen halten "ihren Waggon" gut in Schuss.
Mehr zahlen für mehr Komfort
Wer es komfortabler haben möchte, muss auch mehr zahlen. Der "Zarengold" setzt sich langsam Richtung Südosten in Bewegung. Moskau ist nur die Ouvertüre zu einer 7800 Kilometer langen Bahnreise. Mittags ein Vier-Gänge-, abends ein Drei-Gänge-Menü, damit muss der Magen in den kommenden elf Tagen fertig werden. Er schafft es problemlos sowohl bei Borschtsch, Soljanka oder Schtschi, als auch bei Kaviar, Rindfleisch nach Tatarenart und Kohlrouladen à la Babuschka.
"Schlafen kann man erst ab der zweiten Nacht", hatte Alfred aus Köln während des Essens verkündet. Da helfe auch kein Wodka. Der Zug rumpelt und quietscht. Wegen der großen Abstände zwischen den einzelnen Schienen fühlen sich 80 Kilometer Höchstgeschwindigkeit erheblich schneller an.
Birken-, Lärchenwälder und verschlafene Holzhausdörfer säumen die Trasse. Nach 800 Kilometern erreicht der Zug den ersten Haltepunkt. "Kasan an der Wolga, die Hauptstadt Tatarstans, ist multikulturell", erklärt Anatoly Dolgov, Deutschlehrer und während der Sommermonate als Reiseleiter auf der Transsib unterwegs: "Hier leben orthodoxe Russen und moslemische Tataren friedlich miteinander."
1552 wurde die Stadt von Ivan IV, dem Schrecklichen, erobert und an Russland angegliedert. Die Basilius-Kathedrale mit den neun verzierten Zwiebeltürmen am Roten Platz in Moskau wurde zu Ehren dieser Schlacht errichtet.
Sechs Zeitzonen bis zur Mongolei
Der Zug tuckert weiter Richtung Uralgebirge. 1700 Kilometer von Moskau entfernt, markiert es kurz vor Jekaterinburg die Grenze zwischen Europa und Asien. Der Zeitunterschied zu Moskau beträgt bereits zwei Stunden. Bis zur mongolischen Grenze werden sechs Zeitzonen durchfahren.
Nach drei Tagen und über 3000 Kilometern trifft der "Zarengold" pünktlich auf die Minute in Nowosibirsk am Ob ein. Der Ort ist 115 Jahre alt, er verdankt seine Entstehung dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Nach weiteren 2000 Kilometern durch die sibirische Taiga ist Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, erreicht.
"Im Gegensatz zur jungen Stadt Nowosibirsk erhielt Irkutsk bereits 1686 das Stadtrecht", erzählt Stadtführer Viktor Iwanow: "So wie St. Petersburg das Tor nach Westen war, so wurde Irkutsk das Tor zum Osten Richtung Mongolei und China."
In Irkutsk beeindrucken verzierte Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert. Bis zum südwestlichen Ende des Baikalsees sind es noch 70 Kilometer. Doch der 670 Kilometer lange, fischreiche See ist seinen Besuchern nicht wohl gesonnen und umhüllt sich nach und nach mit einer Nebeldecke.
Martin aus Hamburg hat sich fest vorgenommen, bei zwölf Grad Celsius ein erfrischendes Bad zu nehmen. Mit einem Handtuch im Arm steht er am Fenster und hält nach der Badebucht am Kilometer 110 Ausschau. Beim Eintreffen in Maritui, wo ein Picknick mit Sonnenuntergang geplant ist, klatschen die ersten Regentropfen gegen die Zugfenster.
Schaschlik in der Bordküche
Statt auf dem Grill am Seeufer wird das Schaschlik in den vier Bordküchen zubereitet. Aus dem Sonnenuntergang ist inzwischen eher ein Weltuntergang geworden. Wind heult auf. Die Temperatur sinkt auf zwei Grad. Martin hat sein Badelaken längst wieder im Koffer unter seinem Bett verstaut.
Der Zug rattert weiter vorbei an Bergen, die bis zu den Gipfeln mit Gras bewachsen sind, durch Steppe, die immer wieder von breiten Flüssen und glitzernden Seen unterbrochen wird. Ulan-Bator, die Hauptstadt der Mongolei, empfängt den "Zarengold" mit Sonnenschein und blauem Himmel.
Vom Zaisan-Denkmal hat man den besten Überblick über die Metropole zwischen Moderne und Tradition. Zwar gibt es immer noch Jurtencamps in und vor der Stadt, aber in den letzten Jahren entstanden viele Hochhäuser, in die zahlreiche Nomaden-Familien umzogen. Wer einen traditionellen Kehlkopfgesang und Pferdekopfgeigen hören oder einen Maskentanz sehen möchte, der geht ins Folkloretheater.
"Sajn bajn uu? - Guten Tag", grüßt Purevdorj vor seiner Jurte, die auf Mongolisch "Ger" heißt. 80 Kilometer vor der Hauptstadt hat er mit weiteren Familienmitgliedern vor zwei Wochen sein Frühjahrslager aufgeschlagen. Bevor seine Frau Enkhtuya den Gästen Milchtee mit Salz und Airag (vergorene Stutenmilch) anbietet, reicht ihr Mann sein Schnupftabakfläschchen als Willkommensgruß.
"Wir überwintern immer an einem geschützten Ort tiefer in den Bergen", erzählt der 70-jährige Viehhirte: "Mindestens viermal im Jahr ziehen wir um. Der Aufbau einer Jurte dauert ja nur zwei Stunden." Draußen wird es laut. Einer der Schwiegersöhne treibt eine Herde Pferde ins Gatter.
Die Steppe geht allmählich in die Wüste Gobi über. Mal ist sie eben, mal türmen sich hohe ockergelbe Sanddünen. In Erlian an der chinesischen Grenze endet der Sonderzug. Er wird andere Touristen, die in entgegengesetzter Richtung reisen, nach Moskau zurück bringen. Aufgrund der unterschiedlichen Spurweiten in Russland und China ist ein Umstieg in einen chinesischen Zug erforderlich.
Der Traum, einmal mit der Transsibrischen Eisenbahn zu reisen, ist zu Ende. Mit dem Jumbo geht es zurück nach Frankfurt. Über den Wolken.
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