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Leben ohne Mittelmaß: Eine Annäherung an das Herz von Buenos Aires

VON OLIVIA FREY - zuletzt aktualisiert: 31.01.2012 - 10:49

Düsseldorf (RPO). Von der Tribüne aufs Parkett: In Buenos Aires, wo der Fußball zum Jubeln und der Tango zum Träumen da ist, verschwimmen die Grenzen zwischen Angst und Mut, Rivalität und Zusammenhalt, Ernst und Spiel. Eine Annäherung an das Herz Argentiniens.

Eine Violine weint durch die Lautsprecher, zwei Körper bewegen sich elegant dazu über die Plaza Dorrego in Buenos Aires. Die Luft ist spätsommerlich schwer. Der Asphalt entlädt seine Wärme, schickt sie in den wolkenlosen Abend.
Ein leichter Wind zwitschert durch die Seitenstraße. Dabei entsteht dieses eigentümliche Knacken. Elektrisch, flüsternd.

Hier im Zentrum von San Telmo, dem ältesten Viertel der Stadt, treffen sich Paare, Obdachlose, Straßenkünstler und Touristen. Der Charme dieses Platzes zieht Menschen jeder Art an. Ein selbsternannter Militärdiktator fuchtelt mit einem Stock wild in der Gegend umher und erteilt Verkehrsanweisungen. Auf den gut hundert Klappstühlen auf dem Platz saugt man das Hier und Jetzt entspannt auf.

Man isst von der argentinischen Kuh, trinkt von der argentinischen Traube, lauscht den betörenden Klängen des Tangos und bestaunt das Paar, das gekonnt über den Platz schwebt. Buenos Aires, ein romantisches Märchen? Es ist eine Illusion, die die Menschen hier wollen, ein Feierabendmärchen. Kein Wunder. Denn ein Blick hinter die Kulissen dieser Stadt bedarf einer Menge Mut.

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Liebe, Wahnsinn, Leidenschaft

Juan weiß, was das bedeutet. Er ist im südamerikanischen Paris, wie Buenos Aires genannt wird, aufgewachsen, er hat die Abgründe der Stadt am eigenen Leibe erfahren. Seine Gedichte, die er auf der Plaza Dorrego zum Besten gibt, erzählen von Liebe, Wahnsinn und Leidenschaft. Er ächzt unter den schweren Worten, hüpft mit den leichten und verbeugt sich schließlich knietief, als das Publikum applaudiert.

Juans Eltern siedelten vor langer Zeit in die Stadt der guten Winde über. Wie so viele andere trieb sie die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Sie fanden Arbeit, gründeten eine Familie und wurden Teil der breiten Mittelschicht, welche die Metropole am Rio de la Plata bis zur Machtübernahme durch die Militärjunta im Jahre 1976 prägte. Sieben dunkle Jahre folgten. Tausende Menschen sind noch immer spurlos verschwunden. Schätzungen reichen von 9000 bis 30 000 Opfern.

"Diese Zeit hat ein schwarzes Loch in mein Leben gefressen", erzählt Juan. Einige seiner engsten Vertrauten wurden ihm genommen. Worunter sein Herz allerdings am meisten gelitten hat, sei das Verschwinden seiner großen Liebe Maria gewesen. Seit dreißig Jahren habe er nicht mehr so geliebt.

"Wir haben miterlebt, wie unbeständig das Leben hier sein kann", sagt Juan. "Wir haben die Diktatur überlebt und die Wirtschaftskrise gut zwanzig Jahre später verkraftet. Aber wir wissen nicht, wann der nächste Donner aus dem wolkenlosen Himmel auf uns herabfahren wird. Meine Generation lebt ein Leben, in dem einzig die Unstetigkeit eine Konstante ist."

Ein Leben in Extremen

Seine Stirn legt sich in Falten. "Siehst du die beiden Tänzer?", fragt er. "Wie sie sich aneinander ziehen, als wollten sie sich nie wieder loslassen und sich im nächsten Moment voneinander abstoßen, als wäre der Abschied ein endgültiger. So sind wir. Wir leben in Extremen, weil wir nicht wissen, wann es das letzte Mal sein wird."

Die Reise zum Herzen Argentiniens führt weiter ins Umland, auf die Tribüne über dem Rasen in Avellaneda. Wer die Pforten zum Fußballstadion betritt, wird Gemeinschaft. Statussymbole verschwinden unter dem himmelblau-weißen Trikot. Eine VIP-Tribüne gibt es nicht. Fußball macht hier alle gleich. In wenigen Städten ist das Spektrum der kulturellen Wurzeln vergleichbar weit wie in Buenos Aires.

Seit die letzte große Einwanderungswelle über die Grenzen Argentiniens schwappte, sind mehr als 60 Jahre vergangen - genug Zeit, um im Schmelztiegel der großen Städte eine nationale Psyche zu kochen. Wo sich vor allem spanisches, italienisches und deutsches Erbe mischte, ist ein ganz eigenes Temperament herangewachsen.

"Wir haben von allen nur das Beste in uns - oder das schlechteste, wie man es nimmt", sagt Sergio lachend. Sein italienischstämmiger Großvater kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Buenos Aires, seine Großmutter stammt aus Spanien.

Schnell füllt sich das Stadion. Die Stimmung ist aufgeladen, die Spannung zischt durch die Runden. So sicher scheint der Sieg also doch nicht zu sein? "Doch, doch, heute gewinnen wir. Du wirst schon sehen, das wird ein Spektakel werden, das versprech ich dir", jauchzt Sergio.

Gegnern schlägt purer Hass entgegen

In wenigen Momenten wird der Gegner das Feld betreten. Strenge Sicherheitsvorkehrungen sind hier Pflicht. Durch einen aufgeblasenen Lufttunnel wird die gegnerische Mannschaft aufs Feld geführt. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Unmengen von Toilettenpapier segeln von der Tribüne auf den Rasen, Hetzgesänge brechen aus tausend Mündern ins Stadion. Die Gegner nehmen den Hass mit gespielter Gelassenheit.

Die Masse johlt, jauchzt, grölt. Das Stampfen der tanzenden Füße ist synchron, der Rhythmus schnell, die Musik ohrenbetäubend laut. Die Masse jubelt, tanzt, schreit. Man singt von der Liebe, vom Wahnsinn, von Leidenschaft. "Nur wer diese Leidenschaft teilt, versteht auch den Wahnsinn: Racing Campeón!", erklingt die Hymne des Vereins.

Spätestens hier in Avellaneda, fernab vom städtischen Treiben der Millionenmetropole, inmitten der schweißgebadeten Jubelmasse des Fußballvereins Racing, verdampft die letzte Ähnlichkeit mit dem behüteten Mitteleuropa. "Das", ruft Sergio, "ist das richtige Argentinien."

Quelle: tmn

 
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