Colorado ist steil und schneeweiß: Ex-Raketen-Teststation lockt Skifahrer
VON HEIKE SCHMIDT - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 15:45Keystone (RPO). Montezuma, das war doch der mit der Rache. Da soll einem nicht flau werden in der Magengegend? Bestimmt heißt das neu erschlossene Talbecken von Arapahoe Basin, einem kleinen Skigebiet in Colorados Rocky Mountains, ganz absichtlich nach dem alten Aztekenherrscher. Steil und schneeweiß ist es hier, mit Steinbrocken-Sprenkeln, Felsscharten, Monsterbuckeln und doppelschwarzen Extrempisten. Wenn das mal nicht in die Hose geht.
Die vom Liftnachbarn hat jedenfalls schon einen dicken Flecken am Hinterteil. Da klebt ein breiter Streifen Paketband. Beim Gipfelausstieg war der nicht zu übersehen. Neulich sei er an einer Felsnase hängengeblieben, erklärt der junge Mann mit dem zerzausten Ziegenbärtchen, grinst breit, rückt den Helm mit Totenkopf-Sticker zurecht und stürzt sich in einer glitzernden Pulverschneewolke talwärts.
Colorados weltbekannte Wintersportriesen Aspen und Vail - schicke Schnee-Spielplätze mit beheizten Gehwegen und piekfeinen Fünf-Sterne-Hotels - sind heute Pflichtstationen für den internationalen Skizirkus, für müßige Monarchen und Business-Bosse, Hollywood-Helden und Polit-Promis. In Arapahoe Basin fahren die Einheimischen.
Kontakt:
Arapahoe Basin Ski Area, 28194 US Hwy 6, Keystone, CO 80435, USA (www.arapahoebasin.com); Copper Mountain Resort, 209 Ten Mile Circle, Copper Mountain, CO 80443, USA (www.coppercolorado.com); Loveland Ski Area, Exit 216 Interstate 70, Georgetown, CO 80444, USA (www.skiloveland.com).
Wenn der Interstate 70 nicht gerade mit Ski-Pendlern verstopft ist, liegt das muntere Mini-Skizentrum nur eine gute Stunde westlich von Colorados Hauptstadt Denver. Die Autobahn säumen etwa ein Dutzend Wintersportgebiete im weiteren Umkreis der 2,8-Millionen-Metropole.
Fertighäuser auf Sattelschleppern
Direkt neben Abfahrt 216, noch vor dem Nadelöhr Eisenhower Tunnel surren die Lifte der Loveland Ski Area. Eine aufregende Viertelstunde weiter über den dünnluftigen Loveland Pass, wo einem in haarsträubenden Haarnadelkurven regelmäßig auch halbe Fertighäuser auf Sattelschleppern entgegenbrummen, erreicht man A-Basin. Die windige Passhöhe auf fast 3700 Höhenmetern ist für viele Einheimische der Einstieg zu Skitouren ins Hinterland. Chronisch klamme Jugendliche sparen sich ein Liftticket, brettern querfeldein durch Kiefernwälder bergab, trampen wieder hinauf.
Loveland und A-Basin sind Retro-Skigebiete für Tagesausflügler. Es gibt weder einen gewachsenen Ort, noch gut geplante Resorts, nur Lifte, Pisten und Talstationen. Loveland startete 1936 mit einem ruckeligen Schleppseil. Arapahoe Basin machte 1946 auf. Damals kostete ein Tagesskipass noch 1,25 Dollar, und Skifahrer wurden in ausrangierten Army-Waffentransportern zu einem mit Autodiesel betriebenen Ziehlift auf halber Höhe gekarrt. Seitdem hat sich viel verändert, aber das Wesentliche nicht: Auf das Terrain kommt es an. Skifahren ist Sport. Schickimicki ist nicht angesagt.
Die bescheidene Cafeteria, untergebracht in einer alten Raketen-Teststation serviert Fritten, grünen Chili-Eintopf und Muffins. Hotels gibt es immer noch nicht. Wer keinen wilden Zeltplatz im White River Nationalwald suchen oder in Nachbarorten nächtigen will, kurvt nach Liftschluss zurück nach Hause. Pisten-Pilger mit Wohnmobil haben Apres-Partys in A-Basin wohl übertrieben - sogar eine Couch auf Skiern soll schon auf den Gipfel bugsiert worden sein. Darum darf an der Talstation nicht mehr gecampt werden. Aber gegrillt.
In Skischuhen und Badehose
"The Beach" wird der Vorgarten der ersten Autoreihe auf dem Frühaufsteher-Parkplatz genannt, wo Parken und Piste aufeinandertreffen. Besonders im späten Frühling brutzeln hier Hamburger auf Holzkohlen. Bierdosen zischen. Liegestühle und Gartenzelte werden aufgebaut. In Skischuhen und Badehose wird Beach-Volleyball gespielt. Die Badehose ist besonders praktisch, wenn das spontane Schmelzpfützen-Skiwettspringen mal schiefgeht.
Auch wenn man das Zauberteppich-Förderband mitrechnet, hat das nach einem hiesigen Indianerstamm benannte Arapahoe-Basin insgesamt nur sieben Lifte. Was ausgewiesene Anhänger wenig stört. "Wenn Du es hier schaffst, kommst Du überall runter", schwärmt ein Snowboard-Jüngling, Bandana-Tuch um den Kopf und sackartige Baggy-Pants-Skihosen in den Kniekehlen schlackernd.
Wind und Wetter haben Nordamerikas großes Felsengebirge glatt geschmirgelt. Weil die Baumgrenze in Colorado relativ hoch verläuft, sehen manche Skiberge im Wilden Westen eher wie brave Rundkuppen im Bayerischen Wald aus. Loveland und Arapahoe Basin nicht. Ein Großteil der rasanten Abfahrten liegt oberhalb windschiefer Fichten. Auf fast 4000 Metern gelegen, gehören sie zu den höchsten Skigebieten Nordamerikas. Hier dauert die Saison länger als anderswo. Loveland und A-Basin wetteifern jedes Jahr darum, wer als erstes aufmacht (meist im November) und als letzter schließt - manchmal erst im Juni.
A-Basins 105 abwechslungsreiche Abfahrten durchkreuzen ein 3,6 Quadratkilometer großes und zerklüftetes Hochalpin-Areal. Loveland Ski Area ist etwa doppelt so groß und zählt drei markierte Pisten mehr. Wem das nicht reicht, schultert Ski oder Snowboard und erklimmt Lovelands Ridge-Grathöhe oder die engen Schneisen von A-Basins East Wall.
Insgesamt ist das Terrain anspruchsvoll ohne große Flachstücke, Querfahrten oder Schneeautobahnen. Nur etwa ein Zehntel aller Strecken sind als einfach klassifiziert. Knapp die Hälfte aller Abfahrten in Loveland gelten als schwer, in A-Basin sind es sogar 60 Prozent. Kein Wunder, denn das Gelände wurde von pensionierten Gebirgsjägern und Ex-Olympia-Athleten erprobt. In Copper Mountain trainieren die aktuellen.
Schuhkarton-große Schaumstoff-Würfel
Gretchen Bleiler zum Beispiel. In Turin gewann die blondmähnige Amerikanerin 2006 eine Silbermedaille. Danach in Vancouver mehrfach gestürzt, hofft die Snowboarderin auf Gold in Sotschi. Darum übt sie fleißig Halfpipe-Akrobatik auch in Woodward, einer trendigen Trainingsscheune mit Kunstschneeteppich-bezogenen Rampen, Trampolins und randvoll mit Schuhkarton-großen Schaumstoff-Würfeln gefüllten Landebecken. Elektro-Rapp dröhnt aus Lautsprechern. Skier und Boards verwirbeln die Luft wie durchgedrehte Schaumschläger. Hier kann jeder eine Session buchen, der sich mit seinem 360er-Salto noch nicht auf den Berg traut.
Freestyle-Fans sind ein fröhliches Völkchen. Vielleicht ist das freundliche Örtchen darum ein lokaler Liebling. 1972 eröffnet, ist das Greenhorn mit zehn Quadratkilometern Fläche so groß wie die beiden Nachbargebiete zusammen. Viele der auf zwei Gipfel verteilten 125 Abfahrten in allen Schwierigkeitsgraden führen durch windgeschützte Waldschneisen. Copper ist ein modernes Voll-Service-Feriendorf im rustikalen Holzhaus-Look mit Hotelzimmern und vielen Wohnungen, Sportshop, Restaurant, Spa und Golfplatz für Sommergäste. Dauerbewohner gibt es auch hier nicht. Bergleute, Goldsucher und Pelzjäger sind längst weitergezogen. Ein paar ausgediente Bretterbuden-Ruinen behaupten sich.
Copper heißt Kupfer, und benannt wurde das Resort natürlich nach dem Edelmetall, das Grubenarbeiter hier aus dem Boden buddelten. Aber woher kam denn nun der Montezuma, nebenan in Arapahoe-Basin? Pressesprecherin Leigh Hierholzer lacht. Alles ganz harmlos, kein finsterer Fluch. Das neue Talbecken wurde einfach auf ein gleichnamiges Bergbaunest getauft, das man vom Gipfel sieht. Doch wie das wiederum seinen Namen bekam...
Weitere Informationen auf einen Blick:
Anreise und Formalitäten: Mehrere Fluggesellschaften fliegen direkt von Deutschland nach Denver. Von dort geht es per Mietwagen oder Shuttlebus weiter. Jeder Reisende benötigt einen eigenen Reisepass. Alle Besucher, die ohne Visum einreisen, müssen im Internet eine elektronische Einreiseerlaubnis einholen. Die Gebühr beträgt 14 Dollar (10,80 Euro). Auch ein Reisebüro kann die Beantragung erledigen. Diese einmal erteilte Einreiseerlaubnis gilt in den meisten Fällen für beliebig viele Einreisen innerhalb von zwei Jahren.
Klima und Reisezeit: Arapahoe Basin und Loveland wetteifern jedes Jahr darum, wer die Saison zuerst eröffnet. Die Gipfelstationen liegen knapp 4000 Meter hoch. Meist laufen die Lifte von Anfang Oktober bis Mai. In Copper Mountain dauert die Saison von Anfang November bis Ende April. Von Januar bis März ist der Schnee überall am besten.
Reisetipps: Wer keine Pauschalreise inklusive Skipass gebucht hat und Tagestickets braucht, bekommt ermäßigte Preise oft bei Buchung im Internet. Auch große Supermarktketten und einige Sportgeschäfte vor allem in Denver verkaufen reduzierte Tagespässe. In manchen Skigebieten wie Arapahoe Basin und Keystone gelten die Lifttickets wechselseitig. Die drei Skigebiete liegen westlich von Colorados Hauptstadt Denver in den Rocky Mountains. Vom Denver International Airport sind es rund anderthalb Autostunden. Loveland und A-Basin sind Tagesskigebiete ohne Ortschaft. Übernachten kann man hier nicht. Hotels oder Ferienwohnungen findet man in nahe gelegenen Ortschaften, zum Beispiel in Georgetown (für Loveland) oder Keystone (für A-Basin). Copper Mountain verfügt über rund 1600 Gästezimmer.


